Von Martin Rabe

Ein bedeutender Romancier, ein unbestechlicher

Kritiker seiner Zeit, ein Vorkämpfer des Sozialismus, Verfasser von temperamentvollen Streitschriften zum Tage und von erstaunlich treffsicheren Voraussagen zukünftiger Geschehnisse, ein origineller Historiker, ein geistreicher Kommentator mit umfassender Kenntnis auf vielen Gebieten der exakten Wissenschaften, immer tätig, vielseitig bemüht und revolutionär, war H. G. Wells eine Erscheinung, die in unsere Tage hineinragte aus einem vergangenen Zeitalter, in dem es noch möglich schien, ein enzyklopädisches Wissen mit politischer Aktivität und künstlerischer Schaffenskraft zu vereinen. In seinem achtzigsten Lebensjahr ist er vor kurzem gestorben, und sein Tod wirkt wie der Abschluß einer Epoche, die ihre Wurzeln noch im 19. Jahrhundert hatte, deren Kennzeichen ein fanatischer Glaube an den Fortschritt war, und die noch ein Weltbild besaß, das in unserer Zeit des Spezialistentums zugleich bewundernswert optimistisch und erstaunlich fremdartig anmutet. Einen burgeoisen kleinen Philister hat Lenin ihn genannt am Schluß einer Unterredung, verärgert über die aufreizende Art zu streiten und zu widersprechen, die eine Eigentümlichkeit des großen englischen Publizisten bildete. Der Gegensatz der beiden Persönlichkeiten war zu schroff, als daß sie sich hätten verstehen können; Lenin, der einseitig großartige Denker und aktive Staatsmann übermächtigen Formats, der mit festem Willen das Schicksal der Massen zu leiten und zu formen unternahm, und Wells, der mit seiner Kritik und seinen aufbauenden Ideen immer an die freie Entwicklung des Individuums dachte, und für den daher Sozialismus immer ein Kampf für das Wohl und das Recht des einzelnen war.

Nur aus diesem Geist konnte er seine großen Romane schreiben. In ihnen ist jedesmal ein Zeitproblem an einem individuellen Schicksal dargestellt: Erziehungsfragen etwa in Joan und Peter, zeitgenössische Politik in The New Machiavelli; die Macht des großen Kapitalisten in William Clissold und die umwälzenden Folgen des Weltkrieges in Mr. Britling. Seine frühen utopischen Romane ebenso wie seine Weltgeschichte (Outline of History) entspringen dem Gedanken, daß der Sinn des historischen Geschehens sich offenbare in der Befreiung des einzelnen von sozialer Bedrückung, von dem Fetischglauben an eingewurzelte Vorurteile und der unsinnigen Vorstellung, daß Kriege unvermeidlich seien. Diese Erkenntnisse hat er mit begeistertem Optimismus verfochten und mit einem prophetischen Sinn, der ihn vieles voraussehen ließ, das später eintrat, bis zur Atombombe und der Zusammenfassung der Nationen in einem Weltstaat mit einem Weltparlament.

Um so erschütternder wirkt es, daß dieser streitbare Kämpfer in den letzten Jahren sich verpflichtet fühlte, eben diesen Optimismus zu widerrufen. In der Vorrede zu dem Buch, das vor seinem Tode erschienen ist, "Mind at the end of its tether" (Verstand am Ende seiner Reichweite), bittet er den Leser, alles fortzuwerfen, was er bisher geschrieben habe. Über hundert Werke stehen hinter seinem Namen in "Who is Who" verzeichnet, sie alle opfert er der Vergessenheit; seine wahre Erkenntnis, das, was er der Menschheit als Ergebnis seines Denkens zu überliefern wünsche, habe er, so beschwört er seine Leser, in dieser kleinen Schrift liedergelegt, die knapp vierzig großgedruckte Seiten umfaßt. Sie ist mit einem vulkanischen Temperanent geschrieben, in überstürzter Hast nach schwerer Krankheit, angesichts des nahen Todes. Die Sätze stehen da wie erratische Blöcke, oft wirken die Gelenken zusammenhanglos, es sind nur Andeutungen, die der Leser selbst ausspinnen muß. Und der nhalt des Büchleins ist tiefer Pessimismus.

Auch hier schreibt wieder der Sohn des 19. Jahrhunderts. der Schüler T. H. Huxleys, der konsequente Vertreter der Darwinschen Lehre. In einem kurzen Rückblick über riesige Zeiträume streift er die Stadien der Entwicklung vom Protoplasma bis zur heutigen Spezies Mensch. An wenigen Beispielen, den Holothurien etwa und den Skelettfischen, an einzelnen Wirbeltieren und den frühen Menschformen zeigt er, wie fortgeschrittene Typen wieder zugrunde gehen, um neuen Platz zu machen, die sich aus niederen Formen durch Adaption, durch Anpassung an veränderte Verhältnisse entwickeln, und wie nur dank dieser Anpassung ein Fortschritt möglich sei. Heute, so doziert er, ist der menschliche Verstand am Ende seiner Reichweite angelangt; alle Dimensionen sind bis zur äußersten Möglichkeit durchmessen, die höchsten denkbaren Geschwindigkeiten sind erreicht, in der Mikrophysik sind wir an der Grenze noch erkennbarer kleinster Partikel angekommen, in der Astronomie haben wir mit Hilfe von Riesenteleskopen Entfernungen überbrückt, die die Möglichkeiten des Sichtbarwerdens erschöpfen. Die Technik wird diese Ergebnisse noch weiter in Erfindungen verwerten, der Mensch aber ist nicht mehr fähig, sich diesen neuen Verhältnissen anzupassen: es gibt keinerlei Aussieht mehr auf eine mögliche neue Adaption,

Hier nun setzt die wahrhaft kopernikanische Wendung in seinem Denken ein. Hatte er bisher dafür gekämpft, durch neue Formen des Zusammenlebens im Staate, durch Weltparlamente und internationale Achtung des Krieges einen glücklichen Zustand der Menschheit herbeizuführen, so bestreitet er uns jetzt die Fähigkeit, die Verhältnisse zu bessern. Der Mensch hat nicht mehr das Vermögen, sich ihnen anzupassen, sie sind so übermächtig, daß er ihnen unterlegen bleibt. Der Fahrstuhlführer, der fünfzig Jahre seines Lebens einen Tag nach dem andern, eingeschlossen in eine Kabine, in einem Wolkenkratzer auf und nieder fährt, der Arbeiter, der am Fließband einen medianischen Handgriff, jahrelang wiederholt, sie führen kein menschenwürdiges Leben mehr, und immer größer wird angesichts der unvermeidlichen Technisierung und Spezialisierung der Kreis jener werden, die diesem Zwang verfallen, keiner – auch der Denker nicht – kann ihm in Zukunft entfliehen. Das aber, so folgert der Schüler Darwins, bedeutet, daß der Mensch die Fähigkeit der Überwindung durch Anpassung verloren hat und am Ende seiner Entwicklung steht: die Spezies Mensch geht zugrunde, so verkündet der alte Prophet, gestützt darauf, daß viele seiner Voraussagen eingetroffen sind.