Ein Polizeibericht hat mit Gefühlen nichts zu tun. Er spiegelt das Leben von einer bestimmten Seite wider, nämlich vom Konflikt mit dem Gesetz her. Zuweilen klingt in ihm aber auch eine lyrische Variante.

Da meldet nun der Lübecker Polizeibericht, daß In den Nachmittagsstunden auf ihrer Arbeitsstelle In der Breiten Straße eine neunzehnjährige Kontoristin "Selbstmord verübte durch Einnehmen von Zyankali. Der Grund der Tat soll Liebeskummer "ein." So hieß es offiziell in dem Bericht.

Mein Gott, ja, das hatte man in dem Strudel der ausgeklügelten Verfahren, mit denen Menschen aus dem Leben befördert wurden – das hatte man In dem Wirbel, in den wir geraten waren, ganz vergessen: daß es das auch einst gab: den Tod aus Liebeskummer.

Wir sind ein mit alten und neuen Todesarten reich gesegnetes Geschlecht. In dieser Beziehung lernte uns nichts. Und da kommt nun so ein neunzehnjähriges Mädchen daher und nimmt mitten, im frommer auf ihrer Arbeitsstelle Zyankali. Nicht aus Angst vor dem Leben, nicht aus Furcht vor dem Verhungern, nicht, weil sie alles verloren hat und weil sie aus materiell begründeter Verzweiflung beschließt, die Manege des Lebenszirkus schnurstracks zu verlassen. Nein, sie schied aus Liebeskummer.

Da ist das kleine arme Fräulein durch fünf Jahre Krieg hindurchgekommen, durch "Alarme" und bedrohliche Tage, durch Unruhe und mannigfache wirkliche Gefahren, um, als ihre Zeit erfüllt war, an etwas zu sterben, das sonst gar nicht tödlich wirkt: an der Liebe. Dämmert noch ein Anklang der Werther-Welt herauf aus dem Zusammenbruch der Welten? Oder gibt dieser Tod den Pessimisten recht, daß das Gemüt keine Chancen mehr habe?

In dem Bericht einer großen ausländischen Zeitung las man über unser Leben in dieser Zeit: "Die Menschen sterben nicht, sie kommen um..." Diese neunzehnjährige Kontoristin aber machte sich an einem blauen Sommernachmittag mitten im Getümmel der Stadt ganz privat, ganz souverän davon – aus Liebeskummer. -us