Von Tami Oelfken

Anfänglich wollte ich diesen Artikel "Mein "Hobby" nennen. Hobby ist eine lächerliche Leidenschaft für ausgefallene, aber immer höchst amüsante Dinge. Daß ich mich entschloß, ihn in "Mein Steckenpferd" umzutaufen, hat seinen Grund darin, daß ein solches Tier keine Hinterbeine hat. Um es als Pegasus oder als Reittier zu benutzen, braucht es Phantasie und eine Kraft zu realisieren, die in den Dingen selber stecken muß.

Übrigens hat diese Begebenheit einen höchst trivialen Grund: ich hatte abends ein großes Stück Käse gegessen, ein Geschenk von Aurikel aus dem Allgäu. Danach hatte ich schlecht geschlafen. Ich befand mich also in jenem häßlichen Zustand von ungerechter Gereiztheit, verbunden mit einer widerlichen Nörgelsucht. Da stand ich nun und überblickte meine noch armseligen, leeren Mansarden – sie waren eben an diesem Morgen für mich armselig und leer – und dann murmelte ich: "Freunde – Freunde – ha!"

Was haben sie denn schon viel beigesteuert! Doch nichts, was sie selber noch hätten brauchen können, oder durch deren Weggabe sie auch nur im mindesten in ihrer Bequemlichkeit gestört würden. Dieser häßliche Sessel, der ist nur zu brauchen, solange ich den Fetzen Stoff darüberhänge. Darunter ist er fürchterlich!

Ein Albtraum! Was soll werden, wenn meine Sommerbluse aus dem Fetzen gemacht werden muß? Die gestrichene Waschkommode? Sie hat die niederträchtigsten Blechschlösser der Welt. Vergebens gruppiere ich auf ihrer marmorähnlich gestrichenen Platte meine drei Leitzordner. Meine Bücher liegen zum Teil noch auf der Erde. Das ist traurig. Alles andere wäre zu überwinden. Aber meine Bücher auf der Erde – an der Wand entlang – das ist schmerzlich. Nicht nur für die zarte Fennimore, die mißmutige Betrachtungen über die Ohnmacht des Herzens anstellen kann, wenn sie zwischen den zerbrochenen Tuben und Bruchstücken von Gipsabgüssen ihre eigene Hand findet, die sie nach der Betrachtung bedächtig in kleine Stücke schlägt Ich kann Jacobsen gut verstehen. Ich begreife auch gut, daß sich "der große Kamerad Maulnes" entfernte, als er hörte, wie die Kneipenlieder im Park laut wurden, nachdem die Gäste getrunken hatten. Für ihn begann die Verwirrung und Verwüstung. Es hätte ihm nichts geholfen, wenn die Enfants terribles ihm die Zunge herausstreckten, oder wenn Nestor so herrlich pathetisch anfängt: "ma chère Germaine – entre nous, c’est fini, fi - - ni. Je t’ai écrit une lettre de rupture, mais comme je, connais la nègligeance et ta façon de lire des lettres, je suis venu te la lire –"

Germaine hätte gelacht, wenn sie die Tasse auf die Ecke meines Zeichenbrettes gesetzt hätte. Das wäre nach oben geklappt, denn es ist nur ein illusorischer Teetisch! Und der große Arbeitstisch? Es ist ratsamer, du guckst zum Fenster hinaus, ärgerst dich still vor dich hin. Du meditierst, daß die Menschen sich nur von den Dingen trennen, die sie selber durchaus nicht mehr gebrauchen können. Sie fristeten im Keller ein etwas muffiges Dasein und selbst, wenn man sie dir gab, kriegten sie noch etliche Verhaltungsmaßregeln mit auf den Weg, etwa, daß ihre Beine nicht kürzer werden dürfen, oder daß ein gutes Holz auch gebohnert werden muß. Solche Zutat ist nicht erheiternd. Es ist überhaupt nicht sehr erheiternd, wenn du auf so freundschaftliche Gesten angewiesen bist.

Ich gehe mal zu meinem Freund Heberle. Bisher hat er immer etwas gefunden. Ja, er rückt an seinem Käppchen, das aufs linke Ohr rutscht. Er hat auch so recht nichts mehr. Mag ja sein, da oben auf seinem Boden gäbe es noch das eine oder andere, bei dem mir was einfallen täte, aber – und hier nimmt er schon den Schlüssel vom Haken – es ist alles so gut wie leergekauft. Die Menschen, die kommen, haben gar nichts.