Eine Bilanz zum Ende des ersten Nachkriegsjahres

Von Friedrich Knapp

Wie überall, so ist auch in Österreich dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen! Der zweite Weltkrieg hat dieses kleine, an Bergen reiche und an Feldern arme Land noch schwerer geschädigt als der erste. Obendrein die Isolierung nach außen und im Innern durch die Zonenabschnürung! Die vielen fremden aus dem Krieg zurückgebliebenen Ausländer! Und endlich die Besatzung! Nach vermutlich russischen Angaben umfaßt sie insgesamt 600 000 Mann, davon Amerikaner, Engländer und Franzosen zusammen rund 120 000. Der neue Bundeskanzler Dr. Renner, dessen Humor all die kläglichen Jahre seit dem Ende des ersten Weltkrieges kräftig überlebt hat. brachte für diesen Zustand das schöne Bild eines Ruderbootes, in dem vier Elefanten mitgondeln, die überdies dem Hörensagen nach verschiedener Meinung über den einzuschlagenden Kurs seien. Aber man muß gerechterweise ergänzen: Amerika und England helfen durch beträchtliche Lebensmittellieferungen. durch umfangreiche Kinderbetreuung, auch durch Caritasspenden amerikanischer und englischer Christen. Es gibt sogar in Österreich Gemeinschaftliche Veranstaltungen von Amerikanern, Engländern, Franzosen und Österreichern – Diskussionabende, "gemischte" Vortragsreihen und Revuen, Fußballspiele und Schachturniere.

Jedenfalls, der Lebensstandard in den einzelnen Zonen ist angesichts der Kleinheit des ganzen Landes von erstaunlicher Verschiedenheit. In Ober-Österreich, in Salzburg, in der Steiermark läßt es sich recht gut auskommen; in Tirol und Vorarlberg geht es schon ziemlich karg zu. verständlicherweise, da Ja die Franzosen selbst aus einem ziemlich ausgeplünderten Land kommen. In Niederösterreich Und dem Mühlviertel, die von den Russen besetzt sind, ist es ziemlich kläglich: von Wien aber Will ich in diesem Zusammenhang schweigen. finster noch als die bestimmt kritische Ernährungsfrage ist für Wien das gesamte Existenzproblem: eine am Rande des Landes gelegene Hauptstadt von normalerweise 1,8 Millionen in einem Staat von kaum 7 Millionen!

Zweifellos, Amerikaner und Engländer, aber auch die Franzosen (was angesichts der Lage in Frankreich besonders dankenswert erscheint) tun sehr viel zur Besserung der Lebenshaltung. Und aus der Kalkulation aller Umstände, aus englischen und vor allem amerikanischen Stimmen läßt sich begründeterweise voraussagen, daß nicht erst das Jahr 1947, sondern schon der Herbst 1946 eine beträchtliche Milderung der Ernährungskrise und im weiteren Umfang des ganzen sozialen Problems bringen wird.

Ja, wie steht es denn mit der sozialen Lage, mit der Planung für die nächste Zukunft? Gleiche Ursachen bringen gleiche Wirkungen hervor, und so ist natürlich in diesem Punkt der Unterschied zwischen Deutschland und Österreich in ersten Nachkriegsjahr nicht groß gewesen: eine schlimme Überfüllung der Städte, Ausländer auf allen Wegen und Stegen, Evakuierte, wohin man sieht, Diebstähle, Überfälle, ja Morde, mehr als in Deutschland (und fast immer von östlichen Ausländern). Doch zeigen sich dem genauen Beobachter schon vielerlei Merkmale einer zunehmenden Besserung, deren wichtigstes das neue Schilling-Gesetz ist, durch das zweifellos der drohenden Inflation vorgebeugt wurde und das vor allem dem Schwarzhandel das trüb flackernde Lebenslicht ausbläst.

Wie aber steht der Österreicher nicht als "Politikus", sondern rein menschlich zu seiner neuen und alten Nachbarn, wie wertet er sich selbst in seinem neuen Staat? Das Verhältnis zu Deutschland ist zweifellos noch nicht stabilisiert und allzusehr belastet durch die eben zu Ende gegangenen Jahre "preußischer" Herrschaft. So läßt man am besten die meisten Schimpfereien des kleinen Mannes auf die "Deutschen" auf sich beruhen als den naiven Versuch, vieles von der Rechnung, die man doch selber mit aufgesummt hat, andern anzukreiden. Es ist aber freilich nur gerecht zuzugeben, daß mindestens psychologisch sehr viele Einwanderer aus dem Dritten Reich schwer durch Arroganz, Verständnislosigkeit und Antreiberei gekündigt haben. Mit all den sogenannten Nachfolgestaaten hat der Österreicher ja von langer Hand Beziehungen, die jetzt und in der Zukunft weniger als vordem durch einen allzu egoistischen Nationalismus getrübt werden. Und die Alliierten werden Österreich nicht übersehen können, selbst wenn, sie es wollten, denn das Land liegt geographisch und politisch so sehr im Kreuzungspunkt der Interessen, daß die große Welt notwendigerweise an seinem Gedeihen, seiner Konsolidierung Anteil nehmen wird. Im Zusammenhang mit diesen nüchternen Überlegungen steht die Tatsache, daß der Österreicher heute bereits überzeugt ist, nun endlich, auf lange Sicht sein neues Gemeinwesen aufbauen zu können, das nicht allein er die Nachbarn und die Welt braucht, sondern daß sie auch ihn und seine Art brauchen werden.