Der Humanist und Wissenschaftler im britischen Außenamt

Kein Parteitag der britischen Labour Party hat so viel internationales Aufsehen erregt wie der letzte in Bournemouth. Zum erstenmal nach ihrem überwältigenden Sieg tagte hier jene Macht, die in den nächsten Jahren Englands Schicksal bestimmen und auch die Zukunft der Welt mitentscheiden wird Zu einem solchen wahrhaft historischen Zeitpunkt mußte die Wahl des Vorsitzenden von symptomatischer Bedeutung sein. Würde es ein Parteidogmatiker, eine Gewerkschaftskanone, ein Fanatiker wie Bevan oder einer der jüngeren Radikalen werden? Keine dieser mehr dynamischen Kategorien siegte. Der Nachfolger des Gelehrten Professor Laski wurde ein anderer Gelehrter – Professor Philip John Noel-Baker.

Wenn Millionen Wähler zu Noel-Baker Vertrauen bekunden, dann bedeutet das eine Bejahung des Internationalismus im besten Sinne des Wortes. Noel-Baker denkt in internationalen Begriffen und glaubt an internationale Zusammenarbeit als einzige Rettung der zivilisierten Welt. Mit gleicher Hingabe, wie er sich einst dem Völkerbundgedanken widmete, beschäftigt ihn heute die Idee der UNO. Quäkertraditionen und das Andenken eines großen Lehrers, des Humanisten Fridtjof Nansen, sind Schlüssel zu Noel-Bakers Wesen. Tief verwurzelter Pazifismus wird von Kritikern je nach Anschauung als Stärke oder Schwäche gedeutet.

Es entspricht englischem Herkommen, daß ein der Wahl Noel-Bakers zum Parteivorsitzendes vorangegangenes Ereignis weniger kommentiert wurde: seine Berufung als Minister (Unterstaatssekretär) ins Außenamt. Rußlands Außenpolitik operiert im Gegensatz zur englischen mit vielen Namen: Molotow, Gromyko, Maiski und Wyschinski sind ständig im internationalen Wortschatz zu finden. So viel Rätselraten aber um Molotows engsten Mitarbeiter Wyschinski herrscht, so wenig bat Professor Noel-Baker, Bevins rechte Hand, mit einer Sphinx zu tun. Seine Gedanken liegen bereits fest und offen zutage – teils in Büchern, die zur zeithistorischen Literatur gehören, teils in protokollierten Reden vor dem Genfer Völkerbund, dem britischen Unterhaus und neuerdings vor UNO-Versammlungen. Auf dem komplizierten Gebiet internationaler Beziehungen ist er Großbritanniens erste Kapazität. Die vollkommene Beherrschung von sieben Fremdsprachen und Kenntnis in einigen anderen eröffnen ihm direkten Zugang zu sonst schwer erschließbaren Quellen.

Augenfälligere Unterschiede als die zwischen Bevins und Noel-Bakers Erscheinungen sind kann denkbar. Bevin ist breit, stämmig, gedrungen, sein Unterstaatssekretär schlank, hochgewachsen und elegant – ein Ästhet und Athlet zugleich. Auch in ihren Ansichten stehen Bevin und Noel-Baker durchaus nicht immer auf der gleichen Plattform. Englands Außenminister werden gewisse Vorurteile gegen Rußland nachgesagt. Noel-Baker steht der Sowjetunion sehr viel positiver gegenüber. 1942 erklärte er öffentlich: "Hätte Großbritannien einen Bündnisvertrag mit Rußland gehabt, dann wäre es zu diesem Krieg überhaupt nicht gekommen." Ein Jahr zuvor waren weite Kreise vom Zusammenbruch der Roten Armee überzeugt. Der Professor lächelte über solchen Pessimismus. "Die Russen halten durch", er sagte es nicht nur, er glaubte daran. Auch heute wird Noel-Bakers klarer Blick von keinem Sowietschreckgespenst getrübt (was beileibe nicht das Übersehen russischer Fehler und begrenzter Gefahren bedeuten soll). Ohne daß er je zum radikalen Flügel der Partei gehörte, ist seine außenpolitische Linie auf vielen Gebieten weiter links als die Bevins. Das trifft besonders auf griechische Probleme zu. Ihn verbinden starke Bande mit Griechenland. Sein eigenes, persönlichstes Schicksal erfüllte sich auf hellenischem Boden. Während des ersten Weltkrieges lernte er dort die Tochter Frank Noels, eines englischen Gutsbesitzers in Griechenland, kennen und heiratete sie. Damals wurde aus Mr. Baker Mr. Noel-Baker.

Schon als junger Mensch fühlte er sich vom Sozialismus angezogen. Leidenschaftlich wünschte er eine gerechtere Verteilung der Güter und Lebensmöglichkeiten dieser Erde. Eine glücklichere Welt scheint ihm unmöglich, solange, wie das beim Vorkriegshandel der Fall war, auf den Kopf eines Chinesen, vier Schilling und auf den eines Dänen 30 Pfund kam. Noel-Baker erstrebt freundschaftliche Führung rückschrittlicher Völker- – ohne Druck und Gewalt. Ihm schwebt auch ein baldiges Ende der Kolonien vor, die durch gute Vorbilder zu Demokratie und Selbstverwaltung gebracht werden müssen.

Beim Ausbruch des ersten Weltkrieges hatte es Philip J. Noel-Baker trotz seiner Jugend bereits zum Vizerektor des Oxforder Ruskin College gebracht. Das Kriegsende brachte ihm, der Auseinandersetzungen mit der Waffe tiefinnerlich ablehnte, eine Reihe lohnender und wichtiger Aufgaben. Mehrere Jahre wurde Genf sein Haupttätigkeitsfeld. Lord Cecil, der große Vorkämpfer des Völkerbundes, zog den Sprachkundigen zur Versailler Friedenskonferenz heran. Damals galt die Genfer Liga noch als hoffnungsvolles Instrument. Noel-Baker glaubte an sie und wurde Assistent des Generalsekretärs. Gleichzeitig fiel ihm eine große menschliche Mission zu. Fridtjof Nansen, der überragende skandinavische Forscher und Humanist, hatte die Rückführung der schon als lebendig begraben geltenden Kriegsgefangenen aus Rußland übernommen. Philip ’Noel-Baker, Sekretär und engster Mitarbeiter des späteren ersten Völkerbundkommissars für Flüchtlinge, half ihm dabei. Dank ihren gemeinsamen Bemühungen konnten 450 000 Gefangene gerettet und heimbefördert werden.