Von Alois Wenden

Hugo Grotius war einer der großen Denker, die, mitten in einer Zeitenwende stehend, den Gang der Geschichte mit entscheidungsvollem Antrieb nach vorwärts lenkten. Er war einer derjenigen, die – still und ohne jede revolutionäre Gesinnung, aber mit umwälzender Wirkung – das mittelalterlich-theologische Weltbild überwinden und die modernen säkularisierten Anschauungenhervorbringen halfen.

Die mittelalterliche Weit ruhte unangefochten in Gott. Gott stand an der Spitze der Pyramide des Seins, von Gott empfingen die Menschen ihre Antriebe; durch den Glauben an Gott waren sie miteinander verbunden. Die Gesellschaft war in gottgewollter Weise geordnet. Allgemeine Normen regelten das Leben; es gab eine gemeinsame Sittlichkeit wie ein gemeinsames Recht; sie ließen unterscheiden, was gut und böse, was zu tun und zu lassen, was mein und dein war. Die Welt ward regiert durch eine transzendente allgemeingültige Ordnung.

Die Neuzeit beginnt, als diese Ordnung zerfällt. Machiavelli ist es, der Florentiner, der nun zum ersten Male Recht und Sittlichkeit für nichts achtet. Er ist bloßer Diesseitsmensch, ein antiker Heide; ihn interessieren nicht Gott, nicht transzendente Bindungen, nicht gottgewollte Normen. Seine einzige Leidenschaft gilt dem Staat, den Fürsten, der weltlichen Gewalt. Der Staat wird souverän erklärt; nichts steht über ihm. Er ist nicht mehr der von Gott eingesetzte Schützer und Diener des Rechts; sondern er ist oberste Instanz auf Erden, er schafft sich selbst das Recht. Es gibt keine absoluten, ewig verpflichtenden Rechtswahrheiten mehr; sondern Recht ist, was der Staat befiehlt. Das Recht gilt nur noch, weil und solange es von der Staatsmacht garantiert wird. Und umgekehrt gilt auch: was der Staat oder der Fürst (damals das gleiche) tut, ist rechtens. Der Staat ist an nichts gebunden. Gewaltsamkeit und Heuchelei. Verrat und Betrug, ja, was die Grundlage aller Ordnung zerstört: Vertragsbruch – alles ist erlaubt, wenn es nur die Staatsräson befiehlt.

Machiavelli war Naturalist, Realist. Er wolltezeigen, wie die Welt wirklich wäre, wie die Menschen von Natur aus beschaffen sind. Und auf Erden regiert nun einmal nach seiner Auffassung nicht Sittlichkeit, sondern nackter Egoismus; nicht das Recht, sondern das Recht des Stärkeren: die nackte Macht.

Machiavelli drückte damit das Prinzip des modernen Machtstaates aus, des souveränen Fürsten-, Territorial- und späteren Nationalstaates. Die Staaten waren allmählich souverän geworden. Kein Kaiser oder Papst wurde mehr als oberste Instanz anerkannt; kein übergreifendes Recht verband sie, alles war zwischen ihnen erlaubt. Was aus dieser Entwicklung zwangsläufig folgen mußte, war – mit einem bösen Wort von Hobbes, einem Nachfahren Machiavellis – der Krieg aller gegen alle.

Diese Situation rief nach Heilung. Es galt, eine allen gemeinsame Norm zu finden, die das Äußerste verhinderte; es galt, ein verpflichtendes über- und zwischenstaatliches Recht aufzuzeigen und den Staatsmännern zu verkünden. Die alte, göttlich fundierte Ordnung wiederaufzurichten war das Bestreben vieler Denker des 17. Jahrhunderts. Aber sei hatten keinen Erfolg; die alte Ordnung warzerbrochen, der alte Glaube verlor beständig an Kraft. Es mußte also eine neue Ordnung, ein neues Recht der Welt geschenkt werden. Eine Ordnung, die Machiavelli überwand, indem sie seine wichtigsten Erkenntnisse mitverwertete. Machiavellis Realismus, sein Hinweis auf die Natur des Menschen, mußte mit einbezogen werden. Der Mann, der dies tat, war Hugo de Groot.