Das berühmte Wort "Right or wrong – my countryl" wurde uns jahrelang als Beispiel vorbildlicher Gesinnung und zur Bekämpfung der leidigen "Objektivität" gepredigt. Was hat es eigentlich damit auf sich?

Zunächst stimmt schon nicht, daß der Satz britischen Ursprungs sei, wie immer behauptet wurde. Es widerspräche auch englischem Wesen, vaterländische Gesinnung zu oft und zu laut zu äußern. Tatsächlich handelt es sich um das Wort eines amerikanischen Marineoffiziers, der in einer Rede eine ähnliche Wendung gebraucht hat. Ihre Fassung – schon ins Volkstümliche abgewandelt – lautet aber wie folgt: "Mein Vaterland, ich frage nicht nach Recht oder Unrecht – möchte mein Vaterland immer im Recht sein – aber, Recht oder Unrecht, ich stehe zu meinem Vaterland – My country, right or wrong; might she always be right; but right or wrong, my country". Dieser Satz wurde im Jahre 1816 gesprochen. Der ihn aussprach, war der amerikanische Kommodore Stephan Decatur, der von 1779–1820 gelebt hat und es dem von ihm geprägten Wort verdankt, daß er in der Erinnerung der Menschen geblieben ist. Sein Wort ist in richtiger Fassung und in vielfachen Entstellungen als politisches Schlagwort zur Kennzeichnung vorbehaltloser Vaterlandsliebe um die ganze Welt gegangen.

Wenige Jahre vor Stephan Decatur hat Heinrich von Kleist in seinem "Katechismus der Deutschen" (1809) in Frage und Antwort Vater und Sohn sprechen lassen: "Du liebst dein Vaterland, nicht wahr, mein Sohn? – Ja, mein Vater, das tue ich. – Warum liebst du es? – Weil es mein Vaterland ist. – Du meinst, weil Gott es gesegnet hat mit vielen Früchten, weil viele schöne Werke der Kunst es schmücken, weil Helden, Staatsmänner und Weise, deren Namen anzuführen kein Ende ist, es verherrlicht haben? – Nein, mein Vater. – Warum also liebst du Deutschland? – Mein Vater, ich habe es dir schon gesagt! – Du hättest es mir schon gesagt? – Weil es mein Vaterland ist."

Nun ist es aber mit solchen zugespitzten Sätzen und Schlagwörtern so, daß sie, sowenig wie Sprichwörter, unbedingte Geltung beanspruchen wollen und können. Erst eine verständige Auslegung gibt ihren berechtigten Kern wieder. So wäre nichts falscher als die Annahme, in den Vereinigten Staaten oder in England frage niemand danach, ob die Regierung einwandfreie Wege gehe; jedermann stände hinter ihr, auch wenn sie grotes Unrecht verübe. Davon kann keine Rede seit; vielmehr wird in solchen Fällen von der Äußenngsfreiheit vernehmlich Gebrauch gemacht. Um irrige Vorstellungen zu beseitigen, ist es daher notwendig, die Bedeutung jenes berühmten Wortes auf das richtige Maß zurückzuführen. Sicherheit soll sich jeder zu seiner "Volkheit", um mit Goethe zu sprechen, bekennen, aber er hat nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, sich selbst Gedanken zu machen, ob die Wege, die sein Volk geht, Wege des Rechts oder des Unrechts sind. Und es ist seine Aufgabe, nach Kräften dafür zu sorgen, daß sein Volk den Weg des Rechts und der Gerechtigkeit nicht verläßt. Es sind das Gedanken, die schon Freiherr Karl von und zum Stein in seinem politischen Testament vom 24. November 1508 niedergelegt hat, wenn er darin die Möglichkeit fordert, daß "jeder im Volke seine Kräfte frei in moralischer Richtung entwickeln könne." Die Regierung müsse imstande sein, "die Wünsche des Volkes kennenzulernen und ihren Bestimmungen Leben zu geben." Und nichts anderes ist es, wenn die Grundrechte des deutschen Volkes (1848) verkünden: "Jeder Deutsche hat das Recht, durch Wort, Schrift, Druck und bildliche Darstellung seine Meinung frei zu äußern." W.M.