Für das rheinisch-westfälische Industriegebiet, das trotz seiner Vielseitigkeit den wirtschaftlichen Schwerpunkt in der Großindustrie und der Rüstungswirtschaft hatte, ergibt sich nach dem Ausfall der Riesenbetriebe (Krupp, Rheinmetall) und dem Zerfall der Großkonzerne (Ver. Stahlwerke) vielfach eine neue Situation. Es wäre verfehlt, wollte man nun die Bedeutung des Reviers allein auf die Kohle zurückführen. Kohle hat heute zwar international Seltenheitswert, aber man hat es ja schon einmal erlebt, wie schnell sich hier die Verhältnisse umkehren können! Auch ist die zukünftige Bedeutung der Kohle nicht an der heutigen stürmischen Nachfrage zu messen, sondern eher daran, daß Kohle zu verfeuern – nach den Entwicklungen und Erfindungen der letzten zwei oder drei; Jahrzehnte – eine Verschwendung ohnegleichen darstellt. Die eigentliche Zukunft der Kohlenwirtschaft hängt also nicht allein von dem Beschäftigungsgrad der Industrie ab, sondern von den uns zugestandenen Möglichkeiten ihrer Verfeinerung, das heißt der chemischen Umformung zu hochwertigen Erzeugnissen der verschiedensten Art.

Die Kohle wird also krisenfester werden können, sofern man der Entwicklung und Vervollkommnung der wissenschaftlichen Erkenntnisse einen breiteren Spielraum gewährt, als er nach dem bisherigen Industrieplan gegeben ist. Auch für die Erzeugung zahlreicher Artikel der Leicht- und Gebrauchsgüterindustrie werden diese Grenzen noch weiter zu ziehen sein. Das ist wichtig für die Bemühungen, an Stelle der ausgefallenen Werke andere Industriezweige heranzuziehen. Dazu gehört der von britischer Seite dem Kontrollrat vorgelegte Plan, die Kruppschen Werke nicht ganz dem Erdboden gleichzumachen, sondern den riesigen wüsten Trümmerhaufen, den heute das Unternehmen darstellt, aufzuräumen und Platz für Betriebe der Elektro-, Metallwaren-, Zubehör- und Gebrauchsgüterindu-, strie zu schaffen.

Für alle Industriestädte gemeinsam sind die übergeordneten Gesichtspunkte, von denen eine solche zielbewußte Planung ausgehen müßte. Da ist zunächst ein Aktivum: der besondere Charakter der Industriebevölkerung, der sich – trotz der reichlichen Zuwanderungen aus anderen deutschen Gebieten seit Beginn der Industrialisierungsepoche – deutlich als eine glückliche Mischung zwischen dem zähen, vorsichtigen Westfalen und dem optimistischen, agilen Rheinländer abzeichnet. Es ist ferner einzusetzen der durch jahrzehntelange Gewöhnung, durch Erziehung, Arbeit und Umgebung erworbene Sinn für Technik und technische Probleme, der dem Arbeiter des Industriegebiets eignet. Es liegt nahe, an diese durch Tradition und Erfahrung erworbenen Fähigkeiten anzuknüpfen, an den "Schuß Eisen und Stahl im Blut", und den Stamm hochqualifizierter Facharbeiter wieder an Aufgaben heranzubringen, die zumindest mit den bisherigen Arbeitsaufgaben eine gewisse Verwandtschaft zeigen. Es kann sich also nicht darum handeln, Betriebe "um jeden Preis" seßhaft zu machen – zum Beispiel in Essen Kunstseidenfabriken oder Ableger etwa der sächsischen Strumpfindustrie zu eröffnen –, sondern eher Betriebe der Elektroartikelindustrie, Metallwaren-, Werkzeugherstellung, Maschinenfabriken und ähnliche; in dem von der Kohle abgelegenen Düsseldorf das von jeher in modlschen Dingen führend und durch seinen Charakter als Kunst- und Verwaltungsstadt gekennzeichnet war, wären Textil- und Bekleidungsindustrie und andere Verbrauchsgüterbetriebe stärker heranzuziehen.

Bei dem Bestreben, gleichzeitig die Wirtschaftsstruktur organisch, krisenfest und für die Bevölkerung vorteilhafter zu formen, spielen ferner folgende Überlegungen eine Rolle: Es hat sich gezeigt, daß der Mittel- und Kleinbetrieb, gegenüber dem Großbetrieb, vielfach elastischer, anpassungsfähiger und konjunkturellen Schwankungen gegenüber widerstandsfähiger ist. Die alte Streitfrage, ob Groß- oder Mittel- und Kleinbetrieb – an sich in dieser Form falsch gestellt –, wird heute durch die Macht der Verhältnisse zugunsten der der letzteren beantwortet. Der Verbeamtung des Großbetriebes steht gegenüber die der persönlichen Initiative einen breiteren Spielraum gewährende Betriebsform des Mittel- und Kleinbetriebes Je schwieriger die Aufgaben, je geringer, die Möglichkeiten, durch gemeinsame Abreden, auch internationaler Art, oder durch die dem Großbetrieb an sich innewohnende "Wucht", über Hemmnisse hinwegzukommen. desto mehr kommt es auf die Wendigkeit, Erfindungsgabe, Energie oder den zähen Selbsterhaltungswillen des für seinen persönlichen Besitz kämpfenden Unternehmers an. Die Konzentrierung der Macht und Verfügungsgewalt in wenigen Händen hat sich gerade in den letzten anderthalb Jahrzehnten, als (im Gegensatz zu den Tatsachen) sehr viel von der "Erhaltung" und "Förderung" eines "gesunden Mittelstandes" die Rede war, als nachteilig erwiesen, ganz abgesehen von den politischen Voraussetzungen, die solche Machtzusammenballung heute nicht lebensfähig erscheinen lassen. Es ist kein Zufall, daß gerade solche Städte des Reviers, wie Essen und Oberhausen, mit ihrem Wohl und Wehe weitgehend abhängig von der Entwicklung der ausschlaggebenden Großbetriebe (hier Krupp, dort Gutehoffnungshütte) heute dem Mittelbetrieb ihre besondere Aufmerksamkeit widmen. Aus den Erwerbslosenstatistiken früherer Jahre läßt sich deutlich ablesen, daß Städte mit einer mannigfaltig gen Verbrauchsgütererzeugung, die überwiegend in Mittel- und Kleinbetrieben liegt, weit krisenfester waren, als die Konzentrationspunkte der Großbetriebe. So wurden auf 1000 Einwohner (1933) an Erwerbslosen gezählt in Gütersloh 68, Rheine 109. Lüdenscheid III, dagegen in Essen 307, Gelsenkirchen 352, Duisburg 354 und Gladbeck 381 bei einem Reichsdurchschnitt von 181.

Ein weiterer Gesichtspunkt: Die stärkere Einbeziehung der Frau in den Produktionsprozeß. Im Bergbau gibt es für Frauen keine nennenswerten passenden Arbeitsplätze. Schon früher, als in der Großeisenindustrie noch gewisse begrenzte Möglichkeiten für die Beschäftigung von Frauen vorhanden waren, zeichneten sich auch hier deutlich die Nachteile von Städten und Bezirken mit einseitiger Wirtschaftsstruktur ab. So waren von 1000 Erwerbstätigen in Industrie und Handwerk in den Bergarbeiter- und Großindustrie-Städten Gladbeck und Gelsenkirchen nur 47 bzw. 63 Frauen, in den Städten mit Verbrauchsgüter- und Metallwärenerzeugung Gütersloh, Lüdenscheid und Rheine dagegen 262 bzw. 288 bzw. 301, bei einem Reichsdurchschnitt von 212.

Bis Heranziehung derFrau ist heute aus zwei Gründen noch wichtiger als ehedem. Die sehr "engen" Lebensverhältnisse, die sich für den Arbeiter in schmalem Lohn und hohen Abzügen darstellen, verlangen, daß durch die Mitarbeit möglichst zahlreicher Familienangehöriger das einer Familie insgesamt zur Verfügung stehende Arbeitseinkommen erhöht wird. Durch die Beschränkung der Verbrauchsgütererzeugung werden im Handel, durch die gebotene Sparsamkeit bei Verwaltungen und Behörden (und durch den Einsatz von Kriegsbeschädigten an Plätzen mit leichterer Arbeit) werden an anderen Stellen die verfügbaren Arbeitsplätze für Frauen und Mädchen in Zukunft eher weniger zahlreich sein als umgekehrt. Anderseits sind durch Kriegsverluste, durch die Zurückhaltung von Kriegsgefangenen und anderen arbeitsfähigen Männern so große Lücken gerade in die wichtigsten Jahrgänge gerissen worden, daß eine verstärkte Heranziehung von Frauen wenigstens einen kleinen Ausgleich schaffen muß. Die sozialen Notwendigkeiten begegnen sich hier also durchaus mit den wirtschaftlichen Erfordernissen. Für die kommunale Industrieplanung deutet beides auf die Heranziehung solcher Industriezweige hin, in denen auch der Frau Betätigungsmöglichkeiten offenstehen.

Liegen so die Grundlagen allgemeiner Art für den strukturellen Umbau der Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen fest, so ist zum Schluß die Frage berechtigt, wie sich denn die "Objekte" dieser Planungen hierzu verhalten, also jene Industrie-, Handels- oder Gewerbebetriebe selbst, die man heranziehen möchte. Gegenwärtig ist die Situation noch so, daß über einen Mangel an Interessenten und Angeboten nicht zu klagen ist. Es liegen zum Beispiel beim Essener Amt für Industrieförderung zahlreiche Anfragen vor, und die Aufgabe dieses Amtes besteht weniger in der Werbung, als in der Hilfeleistung und Beratung der Interessenten, sowie in der Steuerung der Entwicklung in der erwünschten und als richtig erkannten Richtung. Zahllose Schwierigkeiten sind dabei zu überwinden, sobald es sich darum handelt, aus dem Bereich der theoretischen Planung in die Praxis hinabzusteigen. Aber auch hier überwindet der rheinisch-westfälische "zähe Optimismus" manche Klippen Th. Sch.