Von Paul Leverkuehn

Nicht umsonst ist auf der ersten Tagung der Studentenschaft der britischen Zone in Göttingen auch die Frage der politischen Erziehung erörtert worden. Die deutschen Universitäten sind ja der Ausgangspunkt der demokratischen Bewegung in Deutschland am Anfang des vorigen Jahrhunderts gewesen. Sie sollten nicht nur die Schulungsstätten für die Fachwissenschaften, sondern auch die Pflegestätten für die allgemeine Bildung der Nation und für ihre politische Erziehung sein. Greifen wir – um den Tatbestand zu klären und auf das Heute, anzuwenden – einmal zum Hamburger Vorlesungsverzeichnis! Auf den andern Hochschulen liegen die Verhältnisse nicht wesentlich anders.

In Hamburg finden 621 Vorlesungen und Übungen statt. Dabei sind die Vorlesungen der medizinischen und der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultäten für unsere Frage ohne Bedeutung. in der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät dagegen fällt es auf, daß der politisch Interessierte wenig ihn Ansprechendes findet – nur Völkerrecht und ein Seminar für Verfassungsgeschichte. Staatswissenschaften wird er vergeblich suchen. Was auf angelsächsischen Universitäten als Political Science (Staatslehre) gelesen wird, fehlt hier, und es fehlt ebenso alles, was dem verwandt ist: Verfassungslehre, deutsche oder ausländische Verfassungsgeschichte, Grundlagen des Verwaltungsrechts oder der Verwaltungsgeschichte.

In der Wirtschaftswissenschaft tut sich dagegen ein weites Feld auf: Einführung in die Wirtschaftscunde, Sozialismus und soziale Bewegung, Grundlüge der Volkswirtschaftspolitik, Finanzwissenschaft, Außenpolitik und Handelspolitik, Sozialpolitik, wirtschaftliche Tagesfragen, und es findet sich auch ein Thema außerhalb der allgemeinen ragen und des deutschen Bereichs: die Wirtschaft des Pazifischen Raumes.

Bei den Philosophen und Erziehungswissenschaftlern fällt eine Vorlesung über das englische und amerikanische Bildungswesen auf. Allerdings, daß die politische Bildung ein Stiefkind des deutschen Erziehungswesens gewesen ist mit katastrophalen Folgen für die ganze Nation, das ist nicht zu verkennen, und es besteht durchaus Veranlassung, das Bildungswesen der angelsächsischen Nationen, deren Bürger so ganz anders am politischen Leben beteiligt sind, zu studieren. –Das Verzeichnis der Historiker beginnt mit acht Vorlesungen über Vor- und Frühgeschichte; aber diese verheißungsvolle Fülle setzt sich nicht fort in der allgemeinen Geschichte, die alles in allem nur mit 15 Vorlesungen und Übungen bedacht ist. Soll man Wirtschaftsgeschichte im Zeitalter des Frühkapitalismus, vom 15. bis 18. Jahrhundert, hören? Wäre nicht das 19. Jahrhundert für den politisch Denkenden des 20. Jahrhunderts so viel aktueller? Das 19. Jahrhundert wird auch im übrigen nur von einer Hauptvorlesung berührt, derjenigen über europäische Geschichte 1789 bis 1830, und von der Geschichte des Journalismus, die freilich am Schluß angefügt ist, wobei man obendrein vergaß, den Namen des Vorlesenden anzugeben.

Es folgt in der Völkerkunde das Thema: Indische Religion, Islam und Christentum, drei Weltreligionen in der Auseinandersetzung mit eingeborenem Volkstum, und in der Philologie: Geschichtliche und geistige Grundlagen der englischen Zivilisation. Dann blättert man durch romanische, slawische, indische, iranische, semitische Philologie, ural-altaische, ostasiatische, afrikanische, indonesische und Südsee-Sprachen. Das Auge fällt auf das Seminar für Geschichte und Kultur des Vorderen Orients; aber es sucht vergeblich nach einer geschichtlichen Vorlesung aus diesem schicksalsreichen Gebiet. Und schließlich kommt einmal das Wort Nordamerika vor – unter Geographie; aber das wäre wohl schon zu spezialistisch.

Es ist ein Vorlesungsverzeichnis, das dem Volk der Dichter und Denker Ehre macht, ein Jahr nach einem verlorenen Kriege. Aber ist nicht gerade ein. Jahrhundert vergangen, seit sich die Führer dieses Volkes aufmachten, am in der Paulskirche einen neuen Abschnitt der Geschichte zu beginnen, den Abschnitt der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung und Ausdehnung? Sie konnten ihr Volk hinter sich fühlen und sie trugen den Willen zur nationalen Einheit im Nationalverein bis zur Reichsgründung. Aber die schicksalhafte Gestaltung ging in stärkere Hände über, und als diese Kreise ihren Anteil an der Führung, nun als Nationalliberale Partei, begehrten, wurden sie "an die Wand gedrückt, bis sie quietschten". Bismarck hat zwar bestritten, diesen ihm in den Mund gelegten Ausdruck gebraucht zu haben. Aber gehandelt hat er so, unzweifelhaft, und dann hat er im Kulturkampf die katholischen Kreise in eine festgefügte Opposition zusammengeschlagen, und schließlich stand am Ende seiner an außenpolitischen Erfolgen so reichen Laufbahn innenpolitisch die Empfehlung der Gewaltmaßnahmen gegen den Sozialismus ... Die Führung ging nach seinem Rücktritt an die kleinpreußischen, konservativen Agrarier über, die es ihm so bitter schwer gemacht hatten, seine Ziele zu erreichen, und der Rest der Nation stand in Opposition, lebte in Staatsverdrossenheit oder war wieder ein Volk der Dichter und Denker und politischen Träumer geworden.