Hans Memling: Ausschnitt aus dem Kreuzigungsaltar

Wenn einmal die Bilanz des Erhaltenen und des Zerstörten aufgestellt sein wird, so wird es manche Überraschungen geben. In Lübeck war von den beweglichen Kunstwerken lange Zeit hindurch nur eines mit dem für den reisenden Kunstfreund maßgeblichen Baedekerstern ausgezeichnet: der Memling-Altar im Dom. Daß es neben diesem edlen, ein wenig altersmüden Meisterwerk des Niederländers auch ein einheimisches Riesengemälde von mindestens gleichem – viele meinen heute: noch weit höherem – künstlerischem Range gab, das Bild der Gregormesse in der Marienkirche, war wenig bekannt. Es ist beim Bombenangriff zerstört worden, vor dem es den Kulminationspunkt neu gewonnener Wertschätzung erreicht hatte. Wir wissen noch nicht lange, daß es von der Hand des Bernt Notke stammte, des großen niederdeutschen Künstlers der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, der vor allem als Bildhauer bekannt als Schöpfer der berühmten, holzgeschnitzten St.-Jürgen-Gruppe in der Stockholmer Nikolaikirche. Die Gestalten der vielfigurigen Gregormesse. Charakterköpfe von hohen geistlichen Würdenträgern, haben eine Monumentalität und eine seelische Ausdruckskraft, die sie in die vorderste Reihe der europäischen Kunst jener unruhevollen. vorreformatorischen Zeit einrücken lassen. Der Verlust ist unvergleichlich groß, und wir müssen dankbar dafür sein, daß wir – in letzter Minute vom hervorragenden Lübecker Photographen Castelli geschaffen – wenigstens eine Fülle guter Detailaufnahmen besitzen. Memlings Altar dagegen ist erhalten, seine Köpfe sind stiller und inniger, aber bei aller äußerer Vielgestaltigkeit weniger individuell. Sein Werk hat nicht die vorausdeutende Kraft einer Pionierleistung, dafür aber steht hinter ihm die lange Tradition altniederländischer Malerei C. G. H.