Das deutsche Volk soll zur Demokratie erzogen werden. Am besten erziehen die eigenen Beobachtungen, das eigene Handeln und die eigene Erfahrung. So gesehen gewinnt die Arbeit in der Dorfgemeinde eine besondere Bedeutung. Während in dem großen Rahmen der Provinz oder des Staates das Volk nur durch Vermittlung von Parteien dieVerbindung mit der politischen Führung gewinnt, kann sich in dem übersehbaren Rahmen eines Dorfes jeder unmittelbar an den öffentlichen Geschäften beteiligen, und sei es auch nur alsZuhörer bei den Sitzungen des Gemeinderates. Die Dinge kommen an ihn unverfälscht heran, da er sie und die handelnden Personen selbst übersieht.

Man könnte folgern, daß es bei dieser Sachlage in der Dorfgemeinde keiner politischen Parteien bedürfe. Aber gerade damit würde eine besonders gute Möglichkeit zur politischen Erziehung versäumt. Die Erziehung auf dem Dorfe ist eine gegenseitige. Der einzelne Bewohner, der zugleich Wähler für Gemeinderat, Kreistag und Landtag ist, lernt die öffentlichen Angelegenheiten ineinem Rahmen kennen, den er zu überschauen vermag. Die Parteien anderseits sind mit ihren Handlungen und mit ihren Vertretern im Dorf einer besonders sachlichen und damit erzieherisch wesentlichen Kritik ausgesetzt, weil der Wähler Dinge und Menschen ohne eine Zwischenschaltung sieht. Es ist deshalb durchaus logisch und für Parteien und Wähler gleichermaßen gut, daß-das deutsche Volk, das langsam an seine demokratischen Rechte herangeführt wird, als erste Stufe die Gemeindewahl vor sich hat.

Aber auch auf dem Dorfe bedarf die Demokratie noch der Übung. Das Totalitätsstreben ist noch nicht überwunden. Mancher Bürgermeister kann sich noch nicht daran gewöhnen, daß jetzt ein Gemeinderat da ist. der laufend unterrichtet und gefragt werden muß, ja, der der eigentliche Träger der öffentlichen Willensbildung im Dorfe ist. Auch daß die Sitzungen des Rates öffentlich sind und die Beteiligung der Gemeindemitglieder an dieser Öffentlichkeit nicht mißtrauisch zu betrachten. sondern kräftig zu fördern ist, dringt erst langsam durch. Die Militärregierung hat besondere deutsche Beauftragte dazu bestimmt, den Gemeinden die Kenntnis vom Aufbau und der Handhabung einer wirklich demokratischen Verwaltung zu vermitteln. Wo wirklich demokratisch gearbeitet wird, da erkennt man bald, daß eine Gemeindeführung in ihren Maßnahmen um so besser gegen Fehlschläge oder auch nur gegen ein Mißverstehen gesichert ist, je mehr diese Maßnahmen vorher von allen Seiten beleuchtet sind. Eine gute Sache braucht die Öffentlichkeit nicht zu scheuen, sondern wird in ihr sogar eine Stütze finden

Eine besondere Bedeutung kommt hierbei der Opposition zu. Es gibt noch immer Parteipolitiker, die, wenn sie die Mehrheit haben, glauben, diese durch Majorisierung und Mundtotmachen der Opposition ausnutzen zu sollen. Es gibt nicht nur Diktaturen einzelner, sondern auch solche der Parteien, im großen und im kleinen. Eine Parteidiktatur verzerrt – ähnlich wie ein Einparteiensystem – die Demokratie in ihr Gegenteil. Aber auch hier kann gerade im Dorf, wo alles sich untereinander kennt, echtem demokratischem Denken und dem richtigen Verständnis für die Notwendigkeit einer Opposition der Weg geebnet werden.

Die für die Festigung der Demokratie nützliche Wirkung des Dorfes wird um so stärker sein, je mehr Aufgaben man den Gemeinden überläßt. Schon die Zusammenfassung mehrerer Dörfer zu einer Großgemeinde entrückt die öffentlichen Angelegenheiten dem einzelnen Wähler und erschwert diesem eine Beteiligung an ihrer Behandlung. Von oben her gesehen spricht natürlich manches für die Großgemeinde. Die Zahl der Gemeinden, mit denen zu arbeiten ist, wird verringert. Die Großgemeinde kann sich Kräfte halten, die in der Verwaltung besser geschult sind als der ehrenamtliche Bürgermeister eines Dorfes. Durch beides wird die Arbeit der vorgesetzten Stelle erleichtert; um so größer aber ist die Mehrbelastung für die Bevölkerung durch die weiteren Wege, und um so mehr geht der persönliche Zusammenhang der Gemeindeglieder untereinander und mit der Verwaltung verloren und damit das; was dem Dorf seine besondere Stellung im demokratischen Aufbau verleiht. Man sollte deshalb auch die wenigen Großgemeinden, die heute noch bestehen und meist aus der Zeit des Dritten Reiches stammen, wieder auflösen und dem einzelnen Dorf seine Selbständigkeit zurückgeben. Der Einwand, daß das kleinere, Dorf nicht leistungsfähig genug sei, ist unzutreffend, weil ja auch die Aufgaben entsprechend kleiner werden. Wo aber eine Aufgabe über den Rahnen eines Dorfes hinausgeht, zum Beispiel die Erhaltung einer Schule zum gemeinschaftlichen Besuch der Kinder mehrerer Dörfer, ist der Zusammenschluß mit den anderen beteiligten Gemeinden zu einem Zweckverband gegeben. Im übrigen ist es eine immer wiederkehrende Beobachtung, daß Sparsamkeit und Sorgfalt im kleinen um so mehr nachlassen, je zahlreicher die Schultern sind, auf denen die Lasten ruhen.

Auch die Dezentralisation der Aufgaben gehört zur demokratischen Entwicklung. Im autoritären System kann man dem kleinen Verband nichts Wichtiges überlassen, weil der Bürgermeister nicht an die Mitentscheidung seiner Gemeindeglieder gebunden ist und weil es infolgedessen leicht zur Vetternwirtschaft kommt. Im demokratischen System dagegen, wenn es ehrlich und unter Zulassung. einer echten Opposition durchgeführt wird, ist diese Gefahr gebannt. Ja, die Dezentralisation schützt die Demokratie vor der ihr innewohnenden Gefahr zu langsamen Arbeitens. Im autoritären System, dessen Arbeit an keine Verhandlungen gebunden ist, können die Entscheidungen schnell fallen, während in der Demokratie die Gründlichkeit mit einem gewissen Verzicht auf Schnelligkeit erkauft wird. Je niedriger nun aber die Instanz ist, in der die Entscheidung fällt, um so schneller kann sie herbeigeführt werden, weil die Verhältnisse im allgemeinen einfach liegen.

Ein Beispiel mag dies noch klarer machen: In zahlreichen Dörfern könnten. heute Flüchtlinge in Erwerbsgartensiedlungen produktiv seßhaft gemacht werden, ohne daß die Struktur der Landwirtschaft wesentlich verändert würde. Aber nicht für jedes Dorf und für jede Gegend sind die Voraussetzungen für solche Siedlung gegeben. Deshalb ist es schwer, eine zentrale Regelung zu treffen, die unter allen Verhältnissen richtig ist. Würde man dagegen den Landgemeinden die Möglichkeit des eigenen Handelns geben, zum Beispiel bei der Landbeschaffung, würde man also hier dezentralisieren, so würde die Entwicklung schnell vorwärtsgehen. Dadurch, daß die Landeigner ebenso wie die Landhungrigen in den Gemeinderäten vertreten sind und die Opposition kritisch Stellung nehmen kann und sich. Beratung und Beschlußfassung in voller Öffentlichkeit abspielen, ist Vetternwirtschaft ausgeschlossen und eine sachlich richtige Entscheidung, soweit solche überhaupt unter Menschen möglich ist, gewährleistet.