Die Vereinigten Staaten von Amerika sind zur Macht des Schicksals für Japan und die Japaner geworden. Sie waren es, die um die Mitte des vorigen Jahrhunderts das Inselreich nötigten, seine unzeitgemäße Isolierung aufzugeben und dem ungeduldig murrenden Handel fremder Mächte seine Häfen zu öffnen, und die es damit auf den Weg des Angleichens und Aufholens wiesen. Sie sind es heute, die der seltsamen und gefährlichen Verquickung unveränderter japanischer Mentalität mit der Zivilisation des Westens ein Ende bereiten, nachdem sie die japanischen Heere, Flotten und Machtbasen gründlich zerschlagen haben. Am sinnfälligsten zeigt sich die unheilvolle Verquickung wohl darin, daß ein moderner Staats- und Machtapparat sich mit einer Gottheit auf dem Thron vertrug.

Als am 27. September 1945 der Tenno ("himmlischer König") dem Oberkommandierenden General McArthur, einen Besuch abstattete, der sich über anderthalb Stunden hinzog, geschah Bedeutsameres als die Unterwerfung des Besiegten unter den Sieger. Niemals betrat bisher ein japanischer Herrscher eine Privatwohnung. Diese Souveräne waren weder "von Gottes Gnaden", noch etwa bei der Thronbesteigung oder einem andern mythisch verbrämten Vorgang zur Gottheit erhoben, wie die August! im alten Rom, sondern sie stammten, wie offiziell gelehrt wurde, in ununterbrochener Reihe von der Sonnengöttin ab, die vor mehr als zweitausendsechshundert Jahren ihrem Sohn die Herrschaft über das Inselreich verlieh. Sie beanspruchten, Götter zu sein – im vorbehaltlosen, unangekränkelten Sinn des Wortes. Niemand durfte den Blick zu ihnen erheben, kein Untertan mit ihnen sprechen, selbst ihre Bildnisse, Briefe und Erlasse genossen göttliche Verehrung. Ein eigener, ihnen gewidmeter Kult, der Shinto-GIaube, durchdrang das Leben des ganzen Volkes und verwob Patriotismus und Gottesglauben zu einem dichten Gewebe.

Der Besuch bei McArthur führt es vor Augen, der Kaiser selbst hat es verkündet, und die soeben vom Abgeordnetenhaus angenommene neue Verfassung enthält es in der Präambel: der Tenno ist nicht mehr Gott! Man darf ihn ansehen, man darf mit ihm sprechen; seine sehr beschränkten Funktionen schreibt die Verfassung vor. Der Shinto-Kult, dessen heilige Schreine vielerorts zerschlagen worden sind, ist um seine Zentralsonne gebracht; seine Priester werden nicht mehr vom Staat unterhalten werden. Andere Revolutionen, ja sogar die generationenlange Entmachtung der Kaiser durch das Hausmeiertum der Shogune, verblassen vor dieser, da der "himmlische König" selbst seine göttliche Herkunft ein Märchen nennt, sich unter das Volk mengt und in Rede und Antwort überzeugen muß, statt in der Glorie göttlichen Glanzes willfährige Andacht zu erwecken.

Daß ein wenig individualisiertes Volk, das seinen Zusammenhalt und seinen festen Boden auf der Geschichte eher madischen Vorstellungen als der Einsicht in Politik und läuternder Philosophie verdankt, ein Geschlecht bis auf den Altar erhöht, um in der Anbetung die eigenen Kräfte zu wecken, ist an sich noch nicht bedenklich. Zum Unglück Japans und der Welt spannte jedoch der auf Macht und Besitz gierige Imperialismus die völkische Inbrunst vor seinen Karren, züchtete einen auf bedenkenlose Eroberung – gerichteten Sendungsglauben, und schließlich brachen die "einheitliche Ausrichtung" und eine gewaltige Kriegsmaschine in fremde Fluren ein. Die Atombomben auf Nagasaki und Hiroshima setzten die dramatischen Schlußpunkte hinter dieses Unterfangen,

Der Vernichtung der militärischen und industriellen Kraftansammlung folgte die Umpflügung der japanischen Geistesverfassung auf dem Fuße.

Es mag im ersten Augenblick überrascht haben, daß die Sieger die Dynastie auf ihrem Platz belassen haben. Die japanischen Parteien der Sozialdemokraten, Liberalen und Fortschrittler hatten gegen ihren Verbleib nichts einzuwenden. Vielleicht ist der Gedanke ausschlaggebend gewesen, ein Volk nicht abrupt und unvorbereitet jeglichen vertrauten Orientierungspunktes zu berauben. Lz.