Schon bei dem alten Plinius steht es: "Das römische Volk ist, was jede Art von Tugend betrifft, das vortrefflichste auf der Welt..."

Woraus man sieht, daß nationale Hoffahrt und Anmaßung uralt sind. Und gerade das, was Plinius formulierte, ist eine jener "Weisheiten" mit auswechselbarem Nationaladjektiv. Das Wörtchen "römisch" wurde ausradiert und durch die Nationalität dessen ersetzt, der jeweils gerade das Radiermesser in Bewegung setzte. Und so steht dann – ungeschrieben, aber nicht minder wirksam – auch in den Seelen anderer Völker dies Bekenntnis, daß eben das eigene Volk "in jeder Art von Tugend das vortrefflichste ist auf der Welt".

Es ist das ein Superlativ, der wie so viele Superlative in der letzten Konsequenz tödlich ist. Denn erverleitet, die Dinge der Welt falsch zu sehen. Er verleitet zu Hoffart, Übermut und Krieg.

Wir Heutigen haben es erlebt. War es nicht geradezu ein Wirbel von Superlativen, der unserem Untergang vorausging? "...das vortrefflichste Volk auf der Welt." Es ist im Extrakt die Weisheit, mit der wir gegeißelt wurden, bis kein Stein mehr auf dem andern stand.

Ein "vortrefflichstes Volk" kann selbstverständlich auch keinen Krieg verlieren. Natürlich nicht! Und wenn man heute hier und da mit Leuten spricht über dies und jenes, so staunt man oft, mit welcher Raffinesse, mit welchem Aufwand von Rabulistik sie der Erkenntnis zu entschlüpfen suchen, daß sie, daß wir den Krieg verloren haben, wie nur ein Krieg verloren werden kann. An den Hintertüren wird schon wieder fleißig gemauert, an den Hintertüren, die die Flucht in die Ausflüchte ermöglichen, daß es doch "irgendwie nicht mit rechten Dingen zuging". Es führt zu nichts!

Anderswo ist es nicht anders. Da kam jetzt aus Rio de Janeiro die Meldung, daß die dort lebenden Japaner einfach nicht glauben wollen, daß Japan den Krieg verloren hat. In einer Versammlung der Japaner mußte der schwedische Gesandte Ragnar Kumlin einen Vortrag halten und die Leute beschwören, sie möchten doch endlich zur Kenntnis nehmen, daß Japan vernichtend geschlagen wurde. Der Gesandte sprach drei Stunden vor fünfhundert japanischen Geschäftsleuten, Bauern und Landarbeitern. Aber anstatt sich überzeugen zu lassen, verlangten die Versammlungsteilnehmer, daß den brasilianischen Zeitungen jede Erwähnung von Berichten über Japans Kapitulation untersagt werde. Ja, und acht Japaner, die die Niederlage Japans, die doch eine weltbekannte Tatsache ist, zugaben, waren ermordet worden.

Hitler hätte viel darum gegeben, wenn es ihm gelungen wäre, diese Geistesverfassung uns einzutrichtern. Es gelang ihm natürlich nicht. Aber ein bißchen kann sich so mancher doch an seine eigene Nase fassen. "Das römische Volk ist, was jede Art von Tugend betrifft, das vortrefflichste auf der Welt", sagte Plinius.