Von Axel Use

Moabiter Sonette – ist das nicht ein Widersprach in sich? Moabit, das Gerichts- und Gefängnisviertel Berlins, ist keine Landschaft, in der sonst Sonette blühen. Es ist eine harte Gegend, in der die Mose keine Einkehr hält, es sei denn, daß man sie selbst in Kerkerhaft nahm.

Auch in den Kerkern schweigen die Stimmen der Dichter nicht. Oscar Wildes "Ballade vom Zuchthaus in Reading" wurde weltberühmt. Und – die Gefängnisballade des großen François Villon "La ballade par laquelle Villon crie mercy à chascun" – "Die Ballade, in der Villon jedermann Abbitte tut" – hat die Jahrhunderte überdauert. Aber es sind Balladen, zwischen Aufschrei und Drohung pendelnd, Abenteuer und Beschwörung in weitem Bogen umschließend. Das Sonett aber gedeiht gemeinhin nicht in der Gefängnisluft. Ist es nicht, als wollte man ein Menuett in einem Gefängnishof tanzen lassen? Ist nicht das Sonett dem Milieu gleichermaßen fremd?

Ja, und ist es nicht unserer Zeit gleichfalls ein wenig fremd, das strenge, fest abgezirkelte feierlich schreitende Sonett, dem immer ein bißchen davon anhaftet, als hätte sich eine Dame in einer Krinoline in einen modernen Omnibus verirrt? Petrarcas Sonette sind älter als die Krinolinen, gewiß – es soll mit diesem Vergleich auch nur das Zeitfremde demonstriert werden.

Denn sie bedingen eine gewisse Feierlichkeit, die Sonette. Auch an denjenigen Stefan Georges ist Feierlichkeit spürbar; Feierlichkeit ist in denjenigen Rilkes, wenn auch in hellerer Durchsichtigkeit verklärt. Und eine gewisse Feierlichkeit ist auch an diesen "Moabiter Sonetten". Aber ist es nicht feierlicher Anlaß genug, vom Leben Abschied zu nehmen? Ein Todgeweihter, einer, der weiß, daß er bald erschossen werden wird, schrieb im Kerker zu Moabit in den letzten Wochen der Hitler-Tyrannis seinen Abgesang an das Leben in achtzig Sonetten nieder. Man fand die Sonette bei ihm. als er – am letzten Tag vor dem endgültigen Zusammenbruch der Macht Hitlers in Berlin – am 23. April 1945 von Schergen durch Genickschuß ermordet wurde. Der Mann heißt Albrecht Haushofer. Professor der Universität Berlin.

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Und so sind diese "Moabiter Sonette" ein menschliches Dokument, der letzte Zuspruch eines Toten an alles Lebendige, ein Zuspruch, der die kleine Kreatur umschließt, die Mücken und Spatzen, und der auch die Dämonen des Bösen nicht ausläßt in uns und in der Arena des Lebens. Ein Zuspruch, der die Räume der Jahrhunderte durcheilt, eine Zwiesprache, gehalten mit den großen Geistern der Menschheit: mit Sokrates und Omar Khayam, mit Thomas Morus und Fridtjof Nansen, mit Albert Schweitzer und Boethius, mit Mozart und Beethoven, mit dem ägyptischen Pharao Amenemhat, mit Goethe. Bach und Kant, mit Buddha, Mohammed und Christus. Und ein Zuspruch, in dem die ganze Weite der Welt wirkt: Goethes verträumtes Sesenheim und der Glast von Rio de Janeiro, der "schönsten Stadt der Welt", der heilige Ort Japans Miyajima und der nebelumwobene Jan Maren. Penang. fern in Indien, und das liebliche Val Troyi mit dem Piz Buin im Engadin. All diese Landschaften, die Haushofer sah. sind in den Sonetten.