Und all dies zieht noch einmal vorüber. Und jedesmal ist jede Erinnerung, jede Zwiesprache in die strenge Form des Sonetts gebracht. von einem, der bis kurz vor seinem Ende von den Schergen gefesselt war und der erst ganz zuletzt aufschreien konnte, was ihn bewegte.

Es ist Strenge in diesen Sonetten. Bildung und auch jene Souveränität den Dingen der Welt gegenüber, die der Uneingeweihte so leicht als Resignation auszulegen beliebt. Es ist auch unverkennbar, daß die Sonette von einem Gelehrten stammen. Darüber hinaus aber stammen sie von einem Manschen, der zum Menschen spricht. Daß er seine letzten Visionen in Sonetten meisterte, zeugt von jener "Zucht" des Geistes, wie sie klassisches Erbe ist,

*

Albrecht Haushofer – 1903 geboren – stammt aus einer Gelehrtenfamilie. Ein den "Moabieter Sonetten" angefügtes Nachwort seines Schülers Rainer Hildebrandt umreißt die Umstände, die Albrecht Haushofer in den Kerker brachten. Er war aufgestanden gegen den Dämon Hitler. Er begann sich an Vorbereitungen zu einem Staatsstreich zu beteiligen, der das Entsetzlichste von Deutschland abwenden sollte. Seine Gefährten waren der ehemalige preußische Finanzminister Popitz und andere. Im Verlauf der Ereignisse geriet Albrecht Haushofer in die Klauen der Gestapo. Mit seinem Bruder, der ebenfalls verhaftet war, saß er in demselben Gefängnis. Über das Ende Haushofers besagt das Nachwort des Buches:

"In der letzten Nacht nationalsozialistischer Herrschaft wurden vierzehn Häftlinge des Berliner Lehrter-Straße-Gefängnisses aus ihren Zellen geholt mit der Versicherung, daß sie frei seien, daß ihre Entlassung jedoch noch in der Prinz-Albrecht-Straße bestätigt werden müsse, wohin sie sogleich gebracht würden. Als die vierzehn Ausgesonderten das Gefängnisportal durchschritten hatten, würden sie von einer ebenso starken, schwarz uniformierten Bewachungsmannschaft übernommen. Nur einige Schritte wurden die Gefangenen in die Frühlingsnacht geführt, während sie die befreienden Schüsse der Sieger aus nächster Nähe hörten, dann wurden sie alle durch Genickschuß niedergestreckt. Als man die Toten auffand, war einer unter ihnen, der ein Heft mit Gedichten in seiner Hand hielt. Es war Albrecht Haushofer. Der ihn so fand, war sein eigener Bruder, selbst nun aus der Haft befreit. Die Verse, die er aus des Toten Händen nahm, trugen die Überschrift ,Moabiter Sonetten’." So steht es im Nachwort.

Dieser Bruder ist auch Mittelpunkt eines Sonetts. Albrecht Haushofer weiß mit seltsamer Hellsichtigkeit, daß sein Bruder am Leben bleiben wird, genau so wie er weiß, daß er selbst nicht durchkommen wird, obwohl die Befreiung so nahe ist. Hier ist die Eigenart der Haushoferschen Sonette als menschliche Dokumente am stärksten betont. Aber die gleiche Kraft ist überall wirksam. In der Zelle beobachtet Haushofer Spatzen, die vor dem Eisengitter des Fenster sitzen. Das Sonett schließt: wie seltsam ist es, ungehemmtem Leben / in Fesseln voller Frage nahzustehn. / ob mich die flinken schwarzen Augen sehn? / Sie schauen fort. Ein Tschilp, ein Flügelheben. / der Eisenrost ist leer. Ich bin allein, / wie gern möcht’ ich bei den Spatzen sein."

Haushofer schont sich in seinen Erkenntnissen selbst nicht. In dem Sonett "Schuld" bekennt er: