Holland, Belgien und Luxemburg erstreben eine Union

Wir erleben heute im Osten Europas den fast zwangsläufigen Prozeß der Zentralisierung selbständiger souveräner Staaten, wie Polen, der Tschechoslowakei und Rumänien, unter zielbewußter russischer Führung, gleichzeitig sehen wir, wie im eigenen Land im Gegensatz zu dieser Großraumpolitik die kleinsten administrativen Einheiten autonome Ansprüche stellen und wie im Westen das Fehlen einer einheitlichen Konzeption die wirtschaftliche Neugestaltung Europas außerordentlich fragwürdig erscheinen läßt. So gehen denn die Pläne einer holländisch-belgisch-luxemburgischen Union, die in diesen Monaten Gestalt gewinnen, in ihrer Bedeutung weit über die nationalen Grenzen der beteiligten Staaten hinaus. Sie werden den Beweis dafür erbringen müssen, daß der so notwendige Zusammenschluß selbständiger Nationalstaaten zu wirtschaftlichen Organismen größerer Ordnung nicht nur auf dem Wege totalitärer russischer Methoden herbeigeführt werden kann, sondern auch auf Grund freier Entschließung demokratisch organisierter Nationen möglich ist.

Keines der drei Länder steht unter einem andern Zwang als dem der wirtschaftlichen Vernunft, jede Interessengruppe eines jeden Verbandes kann sich frei und ungehindert zu den Unionsplänen äußern. Gelingt es auf diese Weise, ohne jeden autoritären Druck eine Art wirtschaftliche Fusion zwischen ihnen herzustellen, dann gebührt ihnen sicherlich das Verdienst, für die internationalen Wirtschaftsbeziehungen neue Wege auf demokratischer Grundlage gewiesen zu haben.

Der Plan einer belgisch-niederländischen Wirtschaftsunion entstand oder besser wurde wieder aufgenommen – wenn man an die Ouchy-Konvention von 1932 denkt, die sich allerdings auf eine Art Zollunion beschränkte – während des Exils der beiden Regierungen in London. Schon 1943 war durch ein Abkommen das Verhältnis der beiden Valuten zueinander für dauernd stabilisiert und 1944 eine Zollunion beschlossen worden, in die Luxemburg auf Grund seiner Verträge mit Belgien automatisch mit einbezogen wurde. Für die weitere Zukunft hatte man eine völlige Fusion der beiden nationalen Wirtschaften ins Auge gefaßt und eine gemischte Kommission mit den Vorbereitungen und Ausarbeitungen betraut. Obgleich das Abkommen sofort nach Befreiung der beiden Länder in Kraft treten sollte, wurde wegen der schwierigen Wirtschaftsverhältnisse, insbesondere in Holland, eine Zwischenlösung für ein Jahr vom Juni 1946 bis Mai 1947 notwendig. Inzwischen ist in Brüssel ein belgisch-niederländisches Sekretariat unter Führung eines Holländers, Dr. Jasper, eingerichtet worden, das die Fragen der Union mit Hilfe verschiedener Kommissionen bearbeitet. Die neuen Zölle sollen als Übergangstarif bereits im November dieses Jahres eingeführt werden, um dann im Laufe des Jahres 1947 gänzlich zu fallen; nicht später als 1948 soll dann die totale Verschmelzung der beiden Wirtschaften zur Durchführung kommen.

Die Bereitschaft, sich über die Schwierigkeiten hinwegzusetzen, ist heute jedoch größer denn je, ja sie ist im Grunde zu einer Lebensfrage für diese, früher mit dem deutschen Wirtschaftsraum so eng verwobenen nationalen Einheiten geworden. Handelt es sich doch darum, durch die Wirtschaftsunion den Inlandsmarkt für die eigene Produktion zu erweitern und sich ferner durch das erhöhte Gewicht ihres vereinten Potentials einen möglichst großen Anteil an den ehemaligen deutschen Exportmärkten zu sichern..

Zahlreiche Momente sprechen deutlich dafür, daß die Umstände und der Zeitpunkt für die Durchführbarkeit solcher Pläne nicht ungünstig sind: die ehemaligen Divergenzen in der politischen Auffassung des immer schon sehr radikalen Belgien und des stockkonservativen Holland sind durch den Krieg weitgehend ausgeglichen, die Parteien ähnlich zusammengesetzt und ähnlich stark; es scheint ein gutes Vorzeichen, daß keine von ihnen dem Unionsplan bisher widersprochen hat. Ähnlich liegen die Verhältnisse bei den Löhnen und Gehältern, die vor dem Kriege in den Niederlanden erheblich höher waren als in Belgien, hier aber in und nach dem Kriege sehr viel schneller stiegen mit dem Erfolg, daß das heutige Niveau der beiden Länder durchaus vergleichbar ist. Auch die Tatsache, daß in Belgien eine gutausgebaute Schwerindustrie vorhanden ist, die in Holland fehlt, auf der anderen Seite die landwirtschaftliche Produktion in den Niederlanden stärker entwickelt ist als in Belgien, deutet darauf hin, daß sich diese nationalen Wirtschaften in einer Union gut ergänzen werden.

Dies alles schließt nicht aus, daß sich zahlreiche und immer neue Probleme und Hemmnisse herausstellen werden, je tiefer man in die Durchführung des Planes eindringt. Sowohl auf landwirtschaftlichem als auch auf industriellem Gebiet werden die Interessen zumindest einzelner Gruppen betroffen werden. Die flämischen Bauern z. B. werden über die uneingeschränkte Konkurrenz ihrer Erzeugnisse mit holländischem Käse, Butter und Milch wenig erfreut sein, und auch die Leder-, Papier- und Porzellanindustrie der beiden Länder stehen im Wettbewerb miteinander Sogar in der belgischen Schwerindustrie könnte Widerspruch laut werden, da sie überwiegend in den wallonischen Teilen liegt, die nicht so sehr nach Norden in den niederländischen Raum tendieren, als vielmehr nach Süden zur französischen Eisen-, Stahl- und Kohlenindustrie.