Von Bruno Snell

Der liebe Gott hat die lateinische Sprache dazu erfunden, daß zehnjährige Kinder ihren Witz daran üben. Ein aufgeweckter Junge muß lateinische Formen pauken und Sätze konstruieren, denn dies akrobatische Spiel macht wie nichts anderes den Geist kräftig und geschmeidig, wenn auch der kleine Hans nicht einsieht, warum das Latein seine erste Fremdsprache sein soll. Heute geht eine starke Tendenz dahin, jede höhere Schule, auch das Gymnasium, nicht mit Latein, sondern mit Englisch beginnen zu lassen. Dafür sprechen, das ist zuzugeben, gewichtige Gründe: Die – verschiedenen Schultypen sollen möglichst lange den gleichen Lehrplan haben, um eine Endentscheidung darüber, welche Schulform eine Kind wählt, erst möglichst spät zu fällen und den Übergang von einer Form zur andern einem Alter offenzuhalten, das die besondere Begabung sicherer erkennen läßt. Vor allem hofft man so, auch die Talente dem Gymnasium zuführen zu können, die sich auf Grund der häuslichen Verhältnisse vielleicht erst später entwickeln. Unbedingt ist an der Forderung festzuhalten, daß stärker, als es bisher in Deutschland der Fall war, den begabten Kindern aller Volksschichten der Weg zur höheren Schule und zum Gymnasium geebnet werden und eine sozial gerechte Lösung dabei gefunden werden muß: Die Unbegabten müssen von der höheren Schule ausgeschlossen, die Begabten ihr zugeführt werden. Dieser Forderung steht aber eine andere gegenüber, die ebenso wichtig ist: Von den Schülern muß man möglichst Hohes fordern. Nun stellt das Erlernen des Lateins so viel höhere Ansprüche an das Vermögen des Schüler als das des Englischen, daß es für die Ausbildung des Denkens geradezu verlorene Jahre sind, wenn der Schüler, der für das Lateinlernen begabt und dafür zu interessieren ist, als erste Fremdsprache Englisch lernt; diese Lücke ist später nie wieder auszufüllen. Man lernt nichts so gründlich und für die Dauer wie das, was man im Alter von 10 bis 13 Jahren aufnimmt, und die Vokabeln und Formen, die man sich in den ersten drei Jahren der höheren Schule einprägt, haften besser im Gedächtnis als alles später Gelernte; viel wichtiger noch ist, daß das Latein in unvergleichlich viel höherem Maße als das Englische das logische Denken und das Verstehen anderer geistiger Formen stärkt und weitet und damit die Voraussetzung zu größeren Leistungen in späteren Schuljahren schafft. Läßt man diese Gelegenheit ungenutzt, so ist das dasselbe, als ob man eine Pflanze erst dann düngen wollte, wenn sie schon weit herangewachsen ist. Hier liegt der Kern der ganzen Frage: Gerade den Schülern, die eine ausgesprochene Begabung für eine bestimmte Form des Denkens haben, wird, wenn man Englisch statt Latein zur ersten Fremdsprache macht, die Möglichkeit genommen, diese Begabung voll zu entwickeln, und wir beraten uns mutwillig gerade des Besten. Es; wäre ein rechter Schildbürgerstreich, unsere Schulen so einzurichten, daß das Außerordentliche, das schließlich im Geistigen allein zählt, sich nicht voll entfalten kann, daß wir künstlich das Niveau besonders Begabter herunterdrücken.

Sicher gibt es auch andere geistige Werte als die, die sich aus dem Lateinischlernen in der Sexta entwickeln, und wir dürfen nicht dahin zurückfallen, das humanistische Gymnasium zur Zwangsanstalt für alle "höhere Bildung" zu machen. Aber was hier auf dem Spiele steht, geht daraus hervor, daß sich die Universitäten mit erstaunlicher Einmütigkeit (und Professoren sind schwer unter einen Hut zu bringen) immer wieder für das humanistische Gymnasium und für das Latein als erste Fremdsprache ausgesprochen haben, wie es gerade jetzt auch der Senat der Universität Hamburg getan hat. Daß wissenschaftliches Denken durch nichts so sehr gefördert wird wie durch die humanistische Schulbildung, bestätigen Mediziner und Naturwissenschaftler nicht weniger als Juristen und Theologen oder gar Philosophen und Philologen. Bei allem, was wir verloren haben, ist, scheint es, die Wissenschaft noch unser sicherster Besitz geblieben, sicherer, möchte ich glauben, auch als die Kunst. Und die Wissenschaft ist, das hört man von all unseren Universitäten, auch heute für die Jugend lebendig geblieben, und überall regt sich noch wissenschaftliches Interesse, zeigt sich wissenschaftliche Begabung. So ist zu hoffen, daß wir der Welt auch weiterhin mit unserer Forschung werden dienen können, und wir müssen tun, was irgend möglich ist, um das wissenschaftliche Denken zu fördern, und das beginnt mit dem Latein des Neun- bis Zehnjährigen.

Es wird sich von selbst zeigen, daß ein wirkliches Gymnasium, das diesen Namen verdient, nicht nur für die wissenschaftlichen Berufe, sondern auch für das praktische Leben oft die beste Ausbildung gibt-, wie von vielen einsichtigen Politikern, Kaufleuten, Technikern seit je anerkannt ist. Das humanistische Gymnasium ist bei uns seit Ende des 19. Jahrhunderts zwischen zwei Mühlsteine geraten. Nationalisten warfen ihm vor, es erzöge junge Griechen und Römer und nicht junge Deutsehe; Sozialisten dagegen, es sei eine Standesschule und diene den Kapitalisten. Im Nationalsozialismus fand sich beides, zusammen, und das Gymnasium wurde fast zermahlen. Der nationalistische Vorwurf war insofern berechtigt, als das, was man auf jener Seite "deutsch" nannte und was sich als Gegensatz zum Humanen, Europäischen fühlte, auf dem Gymnasium nicht gepflegt werden konnte. Daraus wird heute keiner dem Gymnasium einen Strick drehen. Der sozialistische Vorwurf war berechtigt, solange das Gymnasium Standesschule war. Wie man die Begabten für das Gymnasium auswählt, ist darum überaus wichtig. Aber doch darf man der Sorge darüber unter keinen Umständen die bewährte Form des Gymnasiums mit Latein als erster Fremdsprache opfern. Denn da die andern Formen der höheren Schulen ebenfalls die Berechligung zum Universitätsstudium geben und da oft gerade die, die im Leben großen Erfolg haben, nicht die besondere Begabung besitzen, die zum Besuch des Gymnasiums befähigt, bedeutet es noch keine soziale Herabsetzung, wenn jemand nicht mit zehn Jahren zum Lateinunterricht zugelassen wird, ja, es wäre geradezu ein Schaden für das Gymnasium, wenn es als sozial bevorzugt gälte, denn dann würden anders Begabte dorthin drängen, und das frühe Lateinlernen würde zu einem Zwang für die, denen es nicht liegt und denen es die Schulzeit verdüstert. Am besten kämen nur die, die wirklich Lust am Latein haben, auf das Gymnasium – aber die sollen ihrer Lust von Herzen frönen können. Die Lösung müßte sein, früh Latein lernen zu dürfen, aber nicht zu müssen. Das gäbe vielleicht nur wenige und nur kleine Gymnasien, aber solche, die für bestimmte Gebiete unseres geistigen Lebens – und zwar für wesentliche – ein unermeßlicher Nutzen wären.