München, Ende August

Das "Theater am Brunnenhof" ist zu Sommersbeginn mit einem alten Stück: "Nathan der Weise" eröffnet worden – einem alten Stück voll erstaunlicher Aktualitäten. Ein wenig später wurden wir dort mit einem Drama von heute konfrontiert: Anouilhs "Antigone"; aber es zeigte sich, daß vor allem das Nichts darin, das seelische vis-à-vis de rie, erschütternd von heute war. Nun, dem Spätsommer zu Ehren, hat man am Brunnenhof einen echten Rückgriff gemacht: man hat Franz Molnars sogenannte Vorstadt-Legende "Liliom" ausgegraben. Ältere Theatergänger haben da noch Erinnerungen an Max Pallenberg. Etwas jüngere an Hans Albers. Wie schaut es heute aus, das Erfolgsstück von vorgestern, von jenseits des Abgrunds? Beziehungsweise: wie schauen wir heute in seine Schaukelburschenherrlichkeit und Stadtwäldchenromantik hinein? Regt uns sein Abschwung ins Kriminelle und der selbstmörderische Kurzschluß mit seinem Nachspiel im Vorhimmel noch auf? Oder verdrießt uns die ganze Mache einschließlich der uniformierten sanften Heinriche, die von dort den Selbstmörder nach sechzehn Jahren (diskret behandeltem) Purgatorium noch einmal zum Gutmachen auf unsere teure Erde herniederschicken?

Die Wahrheit ist, daß "Liliom" verdrießt und aufregt zugleich. Das gibt es ja merkwürdigerweise, daß man eine Mache durchschaut und ihr dennoch unwillkürlich für ein Weilchen anhanget. Man kann sich innerlich winden, wenn Molnar sein Hühnchen nicht "naturell" serviert, sondern nach Budapester Art stark papriziert; hilft nichts: sobald eine intensive Schauspielerin wie Heidemarie Hatheyer die Julie spielt, muß jeder "dran glauben" – so übertrieben und verlogen vom Text her die Naivität auch gestellt ist. Mit dem Verstand ist es uns klar, daß der Dienstmädchenheros Liliom psychologisch eine Schießbudenfigur und kein Mensch ist, wenn er bei der Kunde, daß Julie ein Kind bekommt, sich ehestens dazu bereit macht, einen Kassier morden zu helfen. Aber wenn der Schauspieler (Carl Jürgens) die rechte Ganovenmiene aufsetzt und den Seelenzwiespalt nur so zwischen zwei Worten etwas heraufwallen läßt, dann bleibt uns gerade wegen ihrer "Inkommensurabilität" die Sache im Gedächtnis. Und das tut auch dieser verniedlichte, die Schwergewichte des Selbstmords einfach leugnende Vorhimmel: er entlockt uns mit Täuschekräften Anteilnahme selbst noch in der Enttäuschung, und mehr als ihm zukommt. Es ist so ähnlich wie bei kleinen Buben: sie spüren, daß der Mann unter dem Nikolausbart aus Watte der Großvater ist, und sie beben und beten doch wie vor einem Himmelsboten, solang er vor ihnen steht. (Hinterher sagen sie, ihre Nüsse knackend: es war ja der Großvater; ich hab’s gleich gemerkt.)

Was ist das? Im Falle "Liliom" ist es nicht zuletzt das Atmosphärische, das die europäischen Städte am Grenzrain des Ostens, Prag, Wien, Budapest, alle haben. Die "Ordnung" hat dort das Menschliche noch nicht durchgeklärt und durchkältet. Sie bleibt bodenwarm, bleibt unterströmt, ja bedroht: das Leben brodelt und gärt noch und hat davon die pittoresken Aspekte ebenso wie die melancholischen Verschattungen des Unerlösten, Nun hat Molnar diese östliche Lebensluft noch einmal komprimiert, indem er seine Geschichte am Rande jener naiv- oder auch trüb-phantastischen Existenz spielen läßt, die im Umkreis von Schau-, buden, Karussells unter dem Umkreis der Volksfestorgeln gedeiht.

Der Faszination dieser Welt voller Trivialitäten gegenüber gibt es kein Entrinnen; da sind Bezauberungen im Spiel, die gewiß sehr tief ins Frühmenschliche hinabreichen. Ihre durcheinanderdröhnenden Musiken zum Exempel kommen nicht von einem andern Stern. Wer mag sie ernstlich "heiter" nennen, diese quäkenden, lockenden Anrufe, gesendet von mechanisierten Pansflöten, über denen ein Gespenstermännchen zitternd den Taktstock hebt! Es ist daher nicht von ungefähr, wenn man, in "Liliom" sitzend, diese beklemmenden Orgeltöne im Ohr, an die Bilder Max Beckmanns denkt, die man in der Stuck-Villa bei Günther Franke ausgestellt findet. Auch dort wird eine Zirkus- und Jahrmarkt-Zauberwelt inbrünstig gesucht, gesehen und entlarvt: als eine, deren Glanz und deren Freuden immer auch zum Heulen sind. Wenn dieser "Rückgriff" – durch die Scheinwelt und ihren Flitter hindurch ins Elementare – zum Anliegen der Kunst wird, dann ist das ein Zeichen. Die Natur, lange vergewaltigt, rächt sich. Sie zerbricht, zerfetzt, verfärbt das Geformte. Wo es wieder mit brodelt und gärt, ist (für sie). Verwesung und Werden ein und dasselbe. Ein Fest des Lebens! Für den Geist, der zwischen Gestalten, Ideen und Abbildern Heimatrecht hat, ist es Flucht oder Fluch, Abfall und Trauer.

Als "Liliom" geschrieben wurde, schien die Zivilisation noch leidlich gesichert. Sie war nur an manchen Rändern (auch an diesem Ostrande, der Budapest heißt) durchBegegnungen mit dem Elementaren romantisch verfärbt. In der bengalischen Beleuchtung des Jahrmarkts konnte der Karussellbursch Liliom, der lieber mordet, lieber sich selbstmordet, als daß er arbeitet, Dienstmädchenseelen wie ein Magnat erscheinen; was ihm an Besitzherrlichkeiten abging, machte verwegene Männlichkeit mehr als weit. Wie aber nun? Der Rudi des Mann-Tieres, das keine Hemmungen kennt, schwelt nicht mehr als ein angenehmes Gruselopfer auf dem Altar bürgerlicher Sicherheit,

Das moderbraune Sumpfloch inmitten der gepflegten Parkwiese, einst eine Kuriosität, ein Restchen Gefahr, ist jählings über seine Ufer gewallt und hat das Ganze verheert und versumpft. Wir schauenes nun mit andern Augen an; mag es "Liliom" heißen oder, weniger idyllisch, "Dreigroschenoper". Wir haben es erlebt, was der "Rückschritt" ins Elementare bedeutet und wozu er immer weiter, immer noch weiter ermächtigt. Darüber vermag uns auch der pseudochristliche Vorhimmel in "Liliom" nicht hinwegzutäuschen. Ja, gerade mit seinem Fünfe-gerade-Seinlassen ist er uns, die wir gebrannte Kinder sind, verdächtig; er bleibt die Scheidung zwischen Wert und Nichtswürdig schuldig. Er ist zu gefällig und nicht ernst genug, dem Abgrund nein zu sagen. Worauf aber käme es mehr an? Hanns Braun