In der vergangenen Woche hat der Ministerratder Sowjetunion den bisherigen stellvertretenden Außenminister Maxim Maximowitsch Litwinow seines Amtes enthoben und die früheren sowjetischen Botschafter in London und Tokio, Fedor Gusew und Jakob Malik, zu stellvertretenden Außenministern ernannt.

Das Schicksal, das den über Siebzigjährigen damit getroffen hat. stellt in seinem Leben kein Novum dar. Vor nunmehr sieben Jahren, Anfang Mai 1939, hat der Oberste Rat der Volkskommissare schon einmal den damaligen Außenkommissar seines Amtes enthoben. Damals stand seine Verabschiedung an der Wegscheide einer außenpolitischen Neuorientierung. Die Entlassung eines Mannes, der durch fast zwei Jahrzehnte so sehr zum Inbegriff einer ganz bestimmten Richtung in der Außenpolitik der Sowjetunion geworden ist, legt daher auch heute die Frage nahe, ob für sie erneut Wandlungen der außenpolitischen Auffassung im Kreml den Grund bilden. Sicher ist, daß Litwinow im Politbüro von jeher eine Anzahl weniger persönlicher. als vor allem sachlicher Gegner besaß. Je mehr er sich in seiner Außenpolitik zum entschiedenen Verfechter einer sowjetischen Zusammenarbeit mit den kapitalistischen Mächten als Folge der russischen Wiedereinschaltung in das Konzert der Mächte entwickelte, desto mehr erschien dieser alte Bolschewist den orthodoxen unter seinen Genossen im Politbüro als Sünder gegen den Geist der Weltrevolution, ja, den besonders fanatischen sogar als Verräter an diesem Nicht umsonst ist der Name Litwinows mit jenen großen internationalen Konferenzen und Zusammenkünften verbunden, die geradezu ein Merkmal der vergangenen Jahrzehnte nach dem ersten Weltkrieg darstellen. Schon auf der Konferenz von Genua 1922 war es die Rolle des stellvertretenden Außenkommissars, in der Litwinow im Gefolge Tschitscherins vor internationalem Forum erschien. Auf Walter Rathenau, der von Tschitschertin eine hohe Meinung besaß, wirkte Litwinow damals "wie ein kleiner Rechtsanwalt", so verrät uns Lord d’Abernon in seinem Buch "Botschafter einer Zeitwende". Mit den Augen Rathenaus gesehen, könnte man zweifelhaft sein, ob die spätere Wirkung Litwinows wirklich die einer echten und hervorragenden Persönlichkeit war, oder vielmehr in erster Linie dem ungeheuren Lande zuzuschreiben war, das er vertrat, und das daher jedem seiner Worte ein entsprechendes Gewicht verleihen mußte. Sicherlich gilt das letztere für das ungeheure Aufsehen, das Litwinow in der Vorbereitenden Abrüstungskonferenz 1927 erregte, als er in einer schonungslos britischen Rede die sofortige allgemeine Abrüstung, die Vernichtung aller kriegsindustriellen oder kriegswissenschaftlichen Einrichtungen verlangte. Auch damals verleugnete er übrigens nicht die – Leninsche Schule, als er die bezeichnende Erklärung abgab: "Uns kam es niemals in den Sinn, zu glauben, und wir hatten auch keine Veranlassung dazu, daß der Völkerbund unter den Fragen über die Abrüstung und Sicherheit auch die Vermeidung der Bürgerkriege und Klassenkämpfe verstand. Ich kann ohne Bedenken behaupten, daß die Sowjetregierung sich niemals einverstanden erklärt haben würde, zusammen mit der britischen Regierung oder mit anderen hier vertretenen Regierungen an die Ausarbeitung von Fragen heranzugehen, die den Klassenkampf oder den Kampf gegen die Resolution berühren."

Unbeschadet dieser Erklärung im Sinne der bolschewistischen Dogmatik zeigte seine Außenpolitik, sobald er als Nachfolger Tschitscherins wirklich die Zügel im Außenkommissariat in der Hand hatte, die Züge einer folgerichtig betriebenen Einschaltung der Sowjetunion in die internationale Zusammenarbeit. Die Nichtangriffspakte mit Polen und den Randstaaten, Wiederaufnahme der Beziehungen zu den USA und Italien (1933) und der Eintritt. der Sowjetunion in den Völkerbund im September 1934, lagen alle auf dieser Linie die in der Folgezeit noch fortgesetzt wurde Als Stalin das Steuer der sowjetischen Außenpolitik im Sommer 1939 um 180 Grad herumwarf, stürzte mit seinem Kurse auch Litwinow selbst. Erst als sich im Verlauf des Krieges der Zwang zu enger Anlehnung an die angelsächsischen Mächte für dieSowjetunion ergab, wurde dieser Kenner des diplomatischen Parketts wieder ausgegraben und als Botschafter nach Washington geschickt. Sein Nachfolger im Außenkommissariat, Molotow, war in vielem sein Antipode. Das gilt auch in persönlichem Sinne; Verdankte Litwinow seiner Herkunft aus dem Ghetto von Bialystok neben einer gewissen. Rührigkeit auch eine Begabung für Fremdsprachen, hatte er sich im Laufe seines Lebens nicht nur ein flüssiges Englisch, sondern auch eine durch Witz und Schlagfertigkeit gekennzeichnete Unterhaltungskunst angeeignet, so sprach Molotow nur Russisch, hatte das Ausland niemals gesehen und gehörte geistig zu den kompromißlosesten Verfechtern der weltrevolutionären These einerseits, der sowjetischen Machterweiterung anderseits. Die Sprache, die Molotow in den letzten Wochen bei den Friedensverhandlungen und im Weltsicherheitsrat angenommen hat, ist jedenfalls nicht die Sprache Litwinows – und gerade dieser Umstand macht es begreiflich, daß die Frage nach dem Hintergrund der Verabschiedung Litwinows eine besondere Aktualität zu besitzen scheint, v. De.