Von Karl N. Nicolaus

Die Kulisse ist dieselbe geblieben: der Abendals Zuflucht der Liebenden. Und die Stunde des Rendezvous naht. Das Abendrot ist da und der kühle Wind, in dem schon eine Ahnung des Herbstes ist. Auch der Mond fehlt nicht, der Freund der Liebenden. "Und Mond lag über der Stadt wie zerrinnendes Ei ...", so hat einst ein expressionistischer Dichter geschrieben. Ja, und diese Formel wurde von "bürgerlichen" Liebespaaren dann abgelehnt aus weltanschaulichen Gründen. Heute aber ist die Formel zu verdammen, weil sie, auch schon wieder "vom Fraß" handelt. Und davon sollte in Verbindung mit dem Liebespaar doch gerade nicht gesprochen werden.

Der junge Mann steht am Rendezvousplatz als stünde er auf Posten. Er schaut nach rechts und links und geht hin und her. Das Abendrot ist ihm wie eine dürftige Laterne, wenn er alle zwei Minuten nach der alten Taschenuhr guckt. Da er verliebt ist, hat er eine entwickelte Seele; ein schöner Zustand im Hinblick auf das Mädchen und auf die Liebe schlechthin. Aber diese seine Seele schimpft: Was für eine Schlamperei das ist, und ob die junge Dame denkt, daß er seine Zeit gestohlen habe! Und was sie sich überhaupt denkt! Und was das überhaupt alles für ein Zirkus ist! Und daß man sich endlich eine anlachen sollte, die in einer Kantine arbeitet! Denn wenn sie in einer Kantine arbeitet, dann "hat" sie. Und wenn sie "hat", dann hat sie auch eine einigermaßen Bude. Und dann hat sie in der einigermaßen Bude auch eine einigermaßen Wirtin, die, was die Sturmfreiheit der Bude betrifft, natürlich nur großzügig ist, wenn die, um die es sich dreht, "hat" und abgibt. Es ist sehr schade, daß der junge Mann im Zustand der Liebe so etwas denkt. Kaum gedacht, beschämt es ihn selber. Und so ist er recht kleinlaut, als die junge Dame aufkreuzt, die er liebt und die nichts "hat", außer daß sie hübsch aussieht und den jungen Mann liebt, und die in keiner Kantine arbeitet.

"Entschuldige", sagt die junge Dame, als sie angekeucht kommt, "entschuldige, aber ich konnte nicht eher! Ich mußte nach Büroschluß erst noch das Viertelliter Magermilch abholen! Klar, daß ich warten mußte! Und dann keine Straßenbahn! Als endlich eine kreischend um die Ecke gekrochen kam, hingen sie schon wie Trauben draußen dran. Ich mußte auf die nächste warten. Und da bin ich nun ..."

"Ja, da bist du nun!" wiederholt der junge Mann. Aber er sagt es gedankenlos, und es klingt wie ein müdes Echo.

Die beiden gehen dem Abend dorthin entgegen, wo er noch dunkler ist. Der uralte Hang aller jungen Liebespaare, das Dunkle zu erreichen, ist noch nicht in ihnen erloschen. Und wieder bedrückt ein Gedanke seine durch die Liebe empfindlich gewordene Seele: der Gedanke, daß er die Bude "daheim" mit einem Fremden teilen muß. Niemals die Möglichkeit, die Geliebte in "eigenen vier Wänden", wie sich die Altvorderen ausdrückten, zu sehen! –

Die beiden schreiten nebeneinander her. Der Abendwind, der kühl ist, rüttelt sanft an ihnen. Das Mädchen friert und denkt an den Herbst und Winter, und das ganze Gefühl der Heimatlosigkeit ihrer Liebe überwältigt sie fast. Unddie beiden schweigen eine ganze Weile und schreiten schneller aus, als könnten sie das Ende des Abends erreichen und als wäre dann dort eine Bleibe für ein Liebespaar.