Bürokratie geht seltsame Wege. Sie hat aus der vergangenen Epoche einen Hang zu autoritären Lösungen übernommen und die Neigung, alles in eigener Regie machen zu wollen. Der "zeitgemäßen" demokratischen Doktrin werden ein paar Konzessionen am Rande gemacht: Beiräte, ohne wirkliche Entscheidungsbefugnisse, dienen dekorativ angebracht, als Feigenblätter.An die spezifisch deutsche Form der Demokratie, die Selbstverwaltung. die ja immerhin neben einer guten Tradition bei uns auch einige Erfolge aufzuweisen hat, will die Bürokratie "nicht so recht ran": das Umlernen, das Umdenken ist offenbar zu schwer.

Es klingt ausgezeichnet, wenn die neue "Instruction" über die ernährungswirtschaftliche Marktordnung besagt, daß die acht sachlich gegliederten "Hauptstellen" – für Getreide, Vieh, Milch, Kartoffeln usw die im übrigen die früheren "Hauptvereinigungen" ersetzen, "unter Mithilfe der beteiligten Berufskreise und der Verbraucher" tätig sein sollen Auch das Prinzip, die staatliche Verwaltung (in diesem Fall das Zentralamt für Ernährung und Landwirtschaft) nicht unmittelbar mit der Warenbewirtschaftung zu betrauen, sondern spezielle Marktordnungskörperschaften zu bilden, ist gut und richtig, Die Problematik der neuen Lösung steckt darin, daß der ehemals unter dem Dritten – Reich wenigstens grundsätzlich anerkannte Charakter der damaligen Hauptvereinigungen und jetzigen Hauptstellen als Selbstverwaltungskörperschaften völlig verlorenzugehen droht und daß ihre Leitung so autoritär wie nur je zuvor ausgestaltet wird – nach der Meinung der beteiligten Fachkreise sogar noch autoritärer, als es. je in der Kriegszeit der Fall, war!

Und nun noch ein Beispiel für die Verfahrenspraxis der Bürokratie Es betrifft die Errichtung von sechs Vorrats- und Einfuhrstellen durch das Zentralamt mit Wirkung vom 1. September Diese Vorrats- und Einfuhrstellen – für Getreide und Futtermittel. Vieh und Fleisch, Fette und Eier, Fische, Kartoffeln und Gartenbauerzeugnisse – sind oder können dem Wortlaut der Verordnung nach ohne weiteres "Monopole" darstellen: Einfuhr- und Handelsmonopole. Wir wüßten nicht, daß eine politische Entscheidung in diesem Sinne, also zugunsten einer monopolistischen Wirtschaft, schon gefallen sei. Natürlich kommen wir um eine zentrale Einfuhrregelung nicht herum. Aber ebenso selbstverständlich wie die Einschaltung des dortigen Baumwollhandels bei der technischen Abwicklung der über Bremen gehenden Baumwolleinfuhren sollte ja doch wohl sein, daß die Getreideimporteure herangeholt werden, sobald es irgend geht, um als sachverständige Helfer an der technischen Abwicklung der Getreideeinkäufe mitzuhelfen. Warum jetzt diese Eile bei der Neufassung von Verordnungstexten? Warum diese Schroffheit in der Formulierung monopolistischer Tendenzen, die hier noch deutlicher hervortreten als je zuvor in Reichsnährstandszeiten? Es sollte doch eigentlich nicht gar so schwer sein, mit den Selbstverwaltungsorganen der Wirtschaft (und spezielldenen des Importhandels) zu einer Art Kooperation zu kommen, die beiden Teilen gerecht wird, indem sie der Behörde die Planung und Lenkung überträgt – als eine Aufgabe, für die sie zunächst allein, später unter parlamentarischer Kontrolle aufzukommen hat – und den in Selbstverwaltungskörperschaften gegliederten Wirtschaftskreisen die geschäftliche Ausführung des Geplanten, unter behördlicher Lenkung eben, in die Hand gibt. E. T.