Nach langen Bemühungen hat die österreichische Wirtschaft jetzt den Abbau der Zonengenzen erreicht. Damit wird eines der großen Hindernisse auf dem Wege zur Wirtschaftsfreiheit der zweiten Republik beiseite geräumt. Nachdem es durch die Absetzung der Schillingwährung von der Reichsmark im Dezember 1945 gelungen war. ein einheitliches Währungsgebiet herzustellen, wurde von den führenden österreichischen Stellen in gleicher Weise wie von den Parteien der Abbau der Zonenschranken als unerläßlich für den Wiederaufbau des Landes gefordert. Denn nicht nur der Waren- und Personenverkehr, auch der Geldverkehr war eweils durch die Zonengrenzen gehemmt.

Nach einigen Veränderungen der ursprünglichen Zoneneinteilung bestehen in Österreich die folgenden Besatzungsgebiete als miteinander recht locker gekoppelte Wirtschaftsgebiete: Im Osten umfaßt die russische Zone das Burgenland, das fruchtbare Niederösterreich sowie das nördlich der Donau gelegene, jedoch zu Oberösterreich gehörige „Mühlviertel“ Im Mittelpunkt befindet sich die von allen vier Mächten kontrollierte Bundeshauptstadt Wien. Die englische Zone umfaßt die Steiermark bis zum Semmering. und Kärnten. Amerikanisch besetzt ist Oberösterreich und Salzburg, französisch besetzt Tirol und Vorarlberg, das wieder als selbständiges Bundesland gilt. Die nachteiligen Folgen, dieser Zoneneinteilung für die Wirtschaft, bei unterschiedlicher Anwendung wirtschaftlicher Prinzipien und prohibitiven Kontrollen an den Übergangsstellen, traten deshalb besonders hervor, weil jedes „Land“ seine eigenen „Spezialitäten“ hat, die erst als Ganzes genommen das größtenteils geschmacks oder qualitätsbetonte Sortiment der österreichischen Gesamtwirtschaft ergeben. Das Fehlen dieser Landesprodukte in anderen Zonen ließ besonders in Wien immer wieder die Lücken zwischen Fertigungsstufe und Endprodukt empfindlich in Erscheinung treten und hielt die ohnehin mit hohen Kosten arbeitende Industrie unter der Rentabilitätslinie.

Das kleine, industriell betonte Vorarlberg ist in erster Linie ein Land der Textilindustrie und der Spitzenerzeugung Daneben gibt es Nahrungsmittelindustrie, Elektrobetriebe, Holzverarbeiter, eine Uhrenfabrik. Die um Dornbirn herum ansässigen Textilunternehmungen haben gleich nach dem Beginn der Besetzung für französische Rechnung gearbeitet und laufen jetzt stark mit Veredelungsaufträgen für die Schweiz, bei guten Spinnstoffmargen und Gegenleistungen in einem Rohstoffanteil sowie Lieferungen von bedarfswichtigen Artikeln. Vorarlberg war immer ziemlich eng mit der Schweizer Wirtschaft liiert, die auch zahlreiche Grenzgänger als Arbeiter aufgenommen hat. Tirol und Vorarlberg, also die französische Besatzungzone Österreichs, sind übrigens die einziges Gebiete, in denen die Kleiderkarte mit nach freier Wahl auflösbaren Punkten Gültigkeit behalten hat. Eine Belieferung der anderen österreichischen Bundesländer mit Textilien fand bisher nicht in nennenswertem Umfange statt, abgesehen von einigen Kompensationsgeschäften. In der Hauptsache war bisher die wirtschaftliche Intensität peripher orientiert, nach der Schweiz und nach Frankreich zu.

Auch die Stromschiene der Vorarlberger Illwerke verläuft nordwärts, ins Rheinland Die Stromabgabe wird bis zu einem gewissen Grade durch die Leistungen der bayrischen Wasserkraftwerke kompensiert, die wiederum Energie in das ostösterreichische Verbundnetz liefern. Die hydraulischen Kraftwerke sind auch heute der wichtigste Faktor Tirols für die kohlenarme Wirtschaft der Bundesrepublik; allerdings leidet das nördlich orientierte Verteilersystem an dem Fehlen einer verbindenden Stromschiene mit dem östlichen Verbundnetz der Alpen-Elektrowerke, an deren Herstellung beschleunigt gearbeitet wird. Abgesehen von elektrischer Energie liefert Tirol, das nahrungsmäßig stets auf Zuschüsse angewiesen war, in erster Linie Holz: heute eine internationale Mangelware. Tirol hat. durch ein eigenes Abkommen mit Italien gegen Holz im Kompensationsverfahren Gemüse und Obst bezogen und war auf diese Weise im Frühjahr mit diesen Nahrungsgütern besser versorgt als manche selbsterzeugenden Bundesländer Der Fremdenverkehr ist naturgemäß notleidend.

An die französische Zone schließt sich ostwärts die amerikanische Zone an, die ihr wirtschaftliches Schwergewicht in Oberösterreich findet. Hier hat sich im Verlauf der Kriegsjahre die Zahl der gewerblichen Betriebe – ziemlich erheblich vermehrt. Anläßlich der im Mai abgehaltenen Industrie- und Gewerbeausstellung in Linz wurde festgestellt, daß 1137 Betriebe gegenüber 450 im Jahre 1937 Vorhanden sind. In der Hauptsache handelt es sich um Betriebe kleineren und mittleren Umfangs mit einem verhältnismäßig vielseitigen Erzeugungsprogramm: Metallverarbeiter, Holzwaren. Holzhäuser, Möbel Ofen, Keramik, Elektroerzeugnisse, Waagen, Kunstgewerbe usw Neben den in der Mehrzahl rein handwerklich betriebenen Unternehmen sind einige, Großformen der Industrie zu verzeichnen, wie Steyr, der ein Schlepperprogramm entwickeln will und außerdem mit einem 3-t-LKW herauskommt; auch das Walzlagerwerk soll binnen kurzem in Betrieb genommen werden Neben SKF, dem Schweizer und dem italienischen Kugellagerwerk wäre Steyr. nach dem Abbau von Kugelfischer in Schweinfurt, die einzige europäische Fabrik dieser Art, jedoch würde es zur Erreichung einer konkurrenzfähigen Produktion noch eines technischen Werkausbaus bedürfen Dann sind in diesem Zusammenhang die jetzt zum Kreis der Alpinen Montan gehörende Vereinigte Österreichische Eisen- und Stahlwerke AG Linz zu nennen (früher Reichswerke) mit Hütte, Kokerei, Walzwerk. Maschinenbauanstalt Die Gesellschaft betätigt sich heute nahezu ausschließlich in Waggonreparatur, da das Hüttenwerk (und damit die anderen Betriebe dieser vertikal gegliederten Industrieanlage) unter Kohlenmangel leiden – abgesehen von der Überdimensionierung des Gesamtwerkes, auf den jetzigen Wirtschaftsraum bezogen Dazu gehören noch das Stickstoffwerk, das ebenfalls noch nicht anlaufen konnte, sowie die stark mit der Rekonstruktion von Brücken beschäftigte ehemalige Stahlbau Linz. Zu nennen wären noch die oberösterreichischen Papiermühlen, neun wieder in Gang gebrachte größere Textilfabriken. die staatlichen Salinen, Betriebe der Nahrungsmittelindustrie w. a. Ein Teil der Unternehmungen, vor allem der Mittelbetriebe, kam im Wege der Verlagerung nach Oberösterreich.

Zugute gekommen ist dem schnellen Anlauf der Betriebe im amerikanischen Kontrollgebiet der Umstand. daß sich gegen Kriegsende alles hier zusammendrängte. So konnten der oberösterreichischen Wirtschaft als Ausgangsstoffe Chemikalien, Halbfabrikate, Farben und dergleichen dienen, die auf Donauschleppern hier zusammengezogen waren oder aus Verlagerungen gewonnen wurden. Die Textilindustrie wurde anfangs durch Vorräte und eine geringe Eigenproduktion der Zellwolle Lenzing (Kapazität 95 t je Monat) begünstigt, die allerdings die Erzeugung infolge Mangels an Betriebsstoffen inzwischen eingestellt hat Außerdem verfügt das Land Oberösterreich über eine ansehnliche Landwirtschaft und die Zuckerfabrik Enns AG, die 1945 als einzige österreichische Zuckerfabrik Rüben verarbeiten konnte.

Demgegenüber hatte die niederösterreichische Landwirtschaft, ebenso. wie auch die Industrie, schwer unter Kriegshandlungen und auch unter den mittelbaren Folgen des Krieges zu leiden. Der „goldene Westen“, womit in Wien gern die Bundesländer der amerikanischen und der französischen Zone bezeichnet werden, hatte zweifellos bessere Voraussetzungen für das Ingangkommen der Wirtschaft bei Kriegsende. Vor allem fehlt es in Niederösterreich an; landwirtschaftlichen Maschinen und Geräten, vor allem an Traktoren, nachdem die Viehbestände stellenweise sehr stark gelichtet waren Aber auch die Maschinenfabriken Oberösterreichs haben durch Zerstörungen oder Verlust von Investitionsmaterial ziemlich schwer gelitten. Das Hauptaktivum der russischen Zone ist Zistersdorf mit seinen ergiebigen Ölquellen, heute das zweitgrößte Fundgebiet Europas nach Rumänien. Den amtlichen Verlautbarungen nach werden etwa 78 000 t im Monat gefördert, wovon neuerdings die Russen einen Anteil, der mit 28 000 t beziffert wird, der österreichischen Wirtschaft zur Verfügung stellen. Hierdurch wird der allgemeinen Kohlenmisere wenigstens einigermaßen Einhalt geboten. So sind in den Werkstätten der früher zur Henschel-Gruppe gehörigen Wiener Lokomotiv-Fabriks-AG in Wien 100 Lokomotiven der österreichischen Staatseisenbahnen von Kohlenfeuerung auf Ölfeuerung umgebaut worden.