Dies nämlich ist es: keine Heimat haben – verjagt sein von Haus und Hof, die vertrauten Wälder nicht mehr sehen, die Seen und Hügel, den Kirchturm über den Dächern des Dorfes, die Straßen und Märkte in den Städten, den Pflug nicht mehr führen können über den eigenen Acker und in der Fremde im Elend leben, Heimweh im Herzen.

Als der Bombenkrieg über Deutschland begann, die Städte durch Phosphorregen in Flammen aufgingen, zog ein Strom von Menschen vom Westen nach dem Osten, um dem Tod zu entgehen, der wahllos aus der Luft seine Opfer suchte. Auch sie wurden mit in die Flucht gerissen, als russische Truppen die deutschen Grenzen überfluteten,. aber sie flüchteten zurück in die Heimat. Wohl war die Wohnung zerstört, die Habe vernichtet, aber sie fanden doch vertraute Stätten und Menschen, zu denen sie gehörten, die Freunde, mit denen sie aufgewachsen waren, und die Gräber der Eltern. Die aber, die bisher ihre Gastgeber gewesen waren, standen fremd zwischen ihnen. Ihre Heimat war ihnen genommen. In unerreichbarer Ferne lag für sie, was so nah gewesen und ihnen so vertraut.

Wie war es doch damals? Wir wollen es nicht vergessen. Hart und streng war der Winter. Zu Abertausenden starben die Menschen auf den Landstraßen und in den Zügen. Mütter hielten krampfhaft die erfrorenen Säuglinge im Arm, sie weigerten sich, die kleinen Leichen herzugeben. Kinder wurden im Gedränge auf den Bahnsteigen zu Tode gequetscht. Wer stolperte, war verloren; er geriet unter hastende Füße und wurde zerstampft. Jagdflieger schossen im Tiefflug auf die wandernden Trecks, Bomben fielen auf die Züge. In offenen Wagen, bei zwanzig Grad Kälte, langsam, entsetzlich langsam, tage- und wochenlang, zogen sie so dem Westen entgegen. In den Städten waren Kommandos aufgestellt von Soldaten, die auf den Bahnhöfen warteten, um die Unseligen auszuladen. „Gefrierfleischkommandos“ wurden sie genannt mit dem entsetzlichen Realismus des Soldatenjargons der Nazizeit. Oft genug waren es nur steifgefrorene Leichen, die sie aus den offenen Güterwagen herausheben konnten: Nur die braunen Herren und ihre Familien waren nicht dabei: die hatten sich mit bequemen Autos bis erste davongemacht Sie hatten auch alle Befehle zum Abmarsch zu spät gegeben, um stolz nach oben melden zu können, daß in ihren Kreisen, Städten und Dörfern die Menschen bis zum letzten Augenblick tapfer ausgehalten hätten. Nach dieser ruchlosen Schuld wurde in Nürnberg sicht gefragt.

Als die Waffen ruhten, kam ein neuer Strom von Menschen aus dem Osten. Die ihre Heimat nicht hatten verlassen wollen, die alle Schrecken der Eroberung auf sich genommen und oft Entsetzliches hatten erleben müssen – nur gehalten von der Hoffnung, in der Heimat bleiben zu können –, wurden nun mit Gewalt gezwungen, fortzugehen.

Es war heißer Sommer. Wieder waren viele Tote und Sterbende in den Wagen. Hunger, Krankheit und Mißhandlungen hatten die letzte Widerstandskraft gebrochen. Der ‚,Todesbahnsteig“ hieß Bahnsteig 3 auf dem Schlesischen Bahnhof in Berlin. Hier wurden auf Bahren die Toten zusammengetragen, und zwischen. – ihnen lagen andere, die fortzubringen nicht mehr lohnte, den brechenden Blick . zur Sonne gerichtet, die durch die verbogenen Träger der Halle mitleidlos auf sie herunterbrannte. Freiwillige aus der Berliner Bevölkerung geleiteten die völlig Erschöpften in die trostlosen Lager, die mit unzureichenden Mitteln hastig eingerichtet worden waren. Dreißig waren es ander Zahl, und bald mußten sie alle bis auf zwei geschlossen werden, da Seuchen ausbrachen, die die Städte gefährdeten. Ohnmächtig standen die deutschen Hilfskomitees, ohnmächtig auch die eifrig bemühten Offiziere der Besatzungsmächte diesem entsetzlichen Elend gegenüber. Langsam wurden die riesigen Menschenzüge weitergeleitet und über ganz Deutschland verteilt. Elende Gestalten kamen so überall an, selbst jener geringen Habe beraubt, die sie hatten mitnehmen dürfen und die ihnen auf dem Transport von fanatisch verhetzten Banden entrissen worden, waren. Und auch heute noch ist der Strom nicht zu Ende. Sie kommen aus Rumänien, Ungarn, der Tschechoslowakei und jenen deutschen Gebieten, die immer noch dem Namen nach deutsch sind, die nur unter polnischer Verwaltung stehen und wo die Deutschen noch rechtloser sind als das Wild in den Wäldern, das doch wenigstens eine Schonzeit hat.

So leben sie jetzt zwischen uns, alle, die aus dem Osten vertrieben sind. Sie haben ihre Heimat verloren, sie haben Entsetzliches erlitten, schwer ist die seelische Last, die auf ihnen ruht, und welches auch immer ihr Anteil gewesen sein mag an der gemeinsamen Schuld, die wir alle tragen, sie haben mehr gebüßt als wir. Niemals dürfen wir es vergessen, und wenn die Bürde den einen oder andern zu schwer dünkt, wenn das enge Zusammenleben Reibungen hervorruft, die unerträglich scheinen, dann müssen wir uns vor Augen halten, daß die löse uns besser gefallen sind, als jenen, die keine Heimat mehr haben.

„Flüchtlinge“ heißen sie in Deutschland, aber das Wort ist falsch. Es klingt, als seien diese Menschen freiwillig fortgezogen, um einem Druck zu entgehen, wie die „Refugiés“, die im 17. Jahrhundert, nach der Aufhebung des Ediktes von Nantes, aus Frankreich auswanderten, um in andern Ländern frei ihrem Glauben anhängen zu können, oder Wie die Emigranten zu Zeiten der Französischen Revolution oder unter der Naziherrschaft in Deutschland, die ihr Vaterland verließen, um im Ausland auf den Wandel der politischen Zustände zu warten. Es sind keine Flüchtlinge, sondern Vertriebene. Menschen, die der Krieg aus ihren Wohnungen scheuchte und die nicht zurückkehren dürfen in ihre Heimat, und andere, die nach dem Kriege zwangsweise ausgewiesen wurden aus Gegenden, in denen ihre Vorfahren seit vielen Jahrhunderten ansässig gewesen waren. „Displaced Persons“ nennen die Angelsachsen die Unglücklichen, die unter dem Naziterror nach Deutschland verschleppt worden sind. Ihnen gilt der besondere Schutz der Besatzungsmächte, der UNO und der UNRRA. Displaced Persons sind auch diese Unglücklichen, Vertriebene und Entwurzelte, die auf fremdem Boden nicht gedeihen können. Langsam und zögernd nur beginnt die Welt Kenntnis zu nehmen von ihrem Elend. Wohl haben vorurteilsfreie Berichterstatter, vor allem in England, sehr bald die Zustinde scharf gegeißelt, die in den Lagern in Polen und der Tschechoslowakei und auf den ungeregelten Transporten herrschten. Dem Eingreifen der Besatzungsmacht ist es zu danken, daß hier Wandel geschaffen wurde. Erst jetzt aber regen sich Stimmen im Auslande, die darauf hinweisen, daß es nötig sei, nicht die äußeren Anzeichen, sondern die Krankheit selber zu kurieren, daß es unmöglich sei, diese Millionen Vertriebener in den vier Zonen unterzubringen, deren Städte und Dörfer vom Krieg verwüstet sind, unmöglich, sie dort zu ernähren und nutzbringend zu beschäftigen, daß mal vielmehr den Raum vergrößern und die provisorischen Grenzen im Osten zurechtrücken müsse.