Obwohl der Rundfunk noch keine 25 Jahre alt ist – wenigstens in Deutschland hat er doch schon ein gut Stück Geschichte zurückgelegt und kann allerhand erzählen. Aus den Tagen seliger Kindheit kann er berichten, wie in den Anlagen nahe seiner Sendeantenne alte Damen die Nadeln ihrer Strickstrümpfe als Antenne benutzten, um kopfhörerbewaffnet dem Nachmittagskonzert zu lauschen, wie in die ersten Übertragungen auf größere Entfernungen – sie erfolgten noch über gewöhnliche Fernsprechleitungen – die Induktionsströme benachbarter Kabel private Zärtlichkeiten oder geschäftliche Grobheiten als unerwünschte, aber für den Hörer recht ergötzliche akustische Kulisse hineinmixten und wie die ersten Mikrophonbesuche außerhalb der Funkhäuser oftmals Opfer der Tücke des Objekts wurden. Senderäume – stationäre wie provisorische – mußten nicht selten buchstäblich „aus dem Boden gestampft“ werden, und die Kunst der Improvisation war den alten „Funkhasen“, jenen Pionieren aus dem ersten Jahrzehnt des deutschen Rundfunks, zum Gesetz des Handelns geworden. Trotzdem scheint der Fall vereinzelt, daß ein ganzes Funkhaus in einem Hotel untergebracht war. Dazu bedurfte es erst des Zuzammenbruchs, der eine Neugliederung des gesamten deutschen Rundfunkwesens im Gefolge hatte. Die Zentrale des deutschen Rundfunks in der französischen Zone wurde Baden-Baden, der Sitz des französischen Hauptquartiers, und da diese Stadt niemals über ein Funkhaus verfügt hatte, so mußte eins geschaffen werden. Auf diese Weise gelangte der junge Baden-Badener Rundfunk in das Hotel „Kaiserin Elisabeth“, in ebenso luftiger wie beherrschender Lage über der Stadt, und es dürfte im heutigen Deutschland der Trümmer, Ruinen und Schuttberge nur wenige Amtszimmer geben, die sich eines so wundersamen Blicks in saftiges Grün und über sanfte Hügelkämme in ein von den Furien der Verwüstung verschontes Tal friedvoller Schönheit erfreuen. Trotzdem haftet den von hier gestarteten Sendungen notgedrungen der Charakter der Improvisation an. So muß die funkgemäße Akustik mit Hilfe von alten, über Leitern gehängten Läufern, Teppichen und ein wenig dazwischen gestopfter Glaswolle hergestellt werden,

Aber daß dennoch große Arbeit geleistet wird, dafür sorgt ein alter Funkpraktiker, der einzige der aus der Zeit vor 1933 (neben Ernst Hardt-Köln) überlebenden Funkintendanten, Friedrich Bischoff, der dem Breslauer Rundfunk einst sein weit über die deutschen Grenzen in den europäischen Raum wirkendes Relief verlieh, selbst ein Dichter von hohen Graden (wie Ernst Hardt, der sein Zepter als Funkintendant kürzlich in die Hand eines Jüngeren legte). Ist in Baden-Baden ein Speisesaal zum Sendesaal promoviert, so stehen die Räumlichkeiten der an Baden-Baden angeschlossenen Sender in der Kunst der Improvisation keineswegs zurück. In Kaiserslautern, dessen Funkstimme sich mit der fröhlichen Melodie des „Jägers aus Kurpfalz“ meldet, ist eine ehemalige Bank das Funkhaus, in Koblenz eine stark angeknabberte Kaserne, in Freiburg (es meldet sich mit dem Kuckucksruf einer Schwarzwälder Uhr) ein Gaststättenbetrieb, in Saarbrücken ein Vereinshaus – Improvisation ist alles! Daß der Name des deutschen Rundfunks in der französischen Zone nicht Schall und Rauch bleibt, dafür werden seine Gestalter sorgen.

Herbert Urban

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Die große Kunstausstellung, die seit Anfang Juni in Kampen auf Sylt mit 1400 Werken der Malerei, der Plastik, des Kunsthandwerks und der Gebrauchsgraphik von Künstlern aller Besatzungszonen veranstaltet wird, wurde bis jetzt von über 10 000 Kunstfreunden besucht. Sie ist bis zum 30. September verlängert.