Von Wolfhart Müller

Während die Pariser Friedenskonferenz die Aufmerksamkeit der europäischen Völker magnetisch auf sich zieht, sind die Staatsmänner der Weltmächte über den europäischen Rahmen hinaus mit den dringenden Problemen beschäftigt, die der Ferne Osten, insbesondere China, bietet. So bringt der „Spectator“ vom 23. August einen Artikel „Chinas Krise“ von Henry P. van Düsen, dem Präsidenten des Union Theological Seminary in Neuyork, der sich als Kenner des Fernen Ostens nicht nur in USA einen Namen gemacht hat. Van Düsen glaubt, daß der dritte Weltkrieg, den er durchaus für möglich hält, nicht in Europa oder im Nahen Osten, sondern in Ostasien ausbrechen könnte, wo sich Rußland und die USA an einer gemeinsamen Grenze gegenüberstehen. Eine solche Konfliktsmöglichkeit würde durch ein kommunistisches China erhöht werden, anderseits erhielten die chinesischen Kommunisten im Augenblick keine wesentliche Unterstützung durch die Sowjetunion, da Moskau zurzeit mit dem Ausbau seiner Position in Europa und der Festigung seiner internationalen Machtstellung beschäftigt sei. Zugleich stellt van Düsen fest, daß sich China ohne wirksame Unterstützung durch die angelsächsischen Mächte weder wirtschaftlich noch politisch erholen könne. Eine derartige auswärtige Hilfe würde sich aber nur dann auswirken können, wenn sie von drastischen, mutigen und vorausschauenden politischen Reformen in China begleitet würde. Aus diesen Überlegungen heraus glaubt van Düsen, daß die Entwicklung in China für die Sicherheit Großbritanniens und der USA bedeutungsvoller sei als alles, was sich in der übrigen Welt ereigne. Der „Specimor“, ohne sich mit van Düsen zu identifizieren, bezeichnet seine Gedanken als eine amerikanische Meinungsäußerung, die nicht übersehen werden dürfe. Wir glauben, diese Ausführungen unseren Lesern nicht vorenthalten zu sollen, um so mehr, als van Dusens weltpolitische Schlußfolgerungen einen internationalen Hintergrund für den nachstehenden. Artikel eines Sachkenners abgeben,

Am 25. August 1945 gab das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas eine Erklärung ab, in der es hieß: „Die chinesische Kommunistische Partei ist bereit, sich mit dem Kuomintang (der chinesischen Nationalregierung Tschiangkaischeks) und den übrigen demokratischen Parteien zu verständigen, um alle dringenden Probleme zu lösen, die dauernde Einheit Chinas herzustellen und die drei Prinzipien Dr. Sunyatsens zu verwirklichen.“ Tschiangkaischek hat sich hierzu mehrfach zustimmend geäußert. Seine Regierung werde die Politik des Kompromisses fortsetzen, denn das chinesische kommunistische Problem sei ein politisches und könne nur auf dem politischen Wege gelöst werden. Die drei Prinzipien Dr. Sunyatsens – die Einheit Chinas, die Demokratisierung des chinesischen Volkes und der Ausgleich im Besitz von Grund und Boden – seien die Voraussetzungen für eine bessere Zukunft Chinas.

Dies war die vielversprechende Grundlage für die Verhandlungen, die sich fast über ein ganzes Jahr hingezogen haben und jetzt durch den Aufruf der Kommunisten in China zum vollen Bürgerkrieg unterbrochen worden sind. Die chinesische Zentralregierung sah sich nach der japanischen Kapitulation vor eine außerordentlich schwierige Aufgabe gestellt: China ist in einem unvorstellbaren Maße ausgehungert, seine Wirtschaft gleicht einem Chaos, die Transportwege sind unterbrochen, das rollende Material ist zusammengeschmolzen, die Finanzen sind ruiniert und nähern sich bedrohlich dem inflationistischen Abgrund. Außerdem ist die Korruption in der Verwaltung Tschungkingchinas noch keineswegs ausgerottet. So sind erst kürzlich wieder die Hilfsaktionen der Regierung zur Linderung der Not in den Hungergebieten durch Aufkäufe gewissenloser Privatunternehmer in Frage gestellt worden. Tschiangkaischek glaubt indessen, daß eine dauernde Abhilfe nicht möglich ist, ehe nicht die Staatsautorität in vollem Umfange im gesamten chinesischen Territorium garantiert werden kann. Er stellt die Einheit Chinas zeitlich vor das Sozialprogramm.

Hier liegt bereits das erste und wesentlichste Hindernis: die nordöstlichen Provinzen Chinas, insbesondere Schensi, Schansi, Hopeh, Schantung und Teile Jehols, waren durch die Besetzung Japans dem Zugriff der von Tschungking aus operierenden Zentralregierung entzogen. Den Kommunisten war es indes gelungen, hier eine sehr erfolgreiche Untergrundtätigkeit zu entfalten und durch ihre kämpferische antijapanische Haltung viele Anhänger zu gewinnen. Diese kommunistischen Gebiete schieben sich also wie eine breite Barriere zwischen den von der Zentralregierung kontrollierten Süden und die Mandschurei, auf die Tschiangkaischek wegen ihrer reichen Vorkommen an Kohle, Eisen und Öl sowie ihrer hochentwickelten Industrie weder verzichten kann noch will.

Es lag indessen auf der Hand, daß die Kommunisten nach der Kapitulation Tokios ihre so mühsam und unter großen Opfern erworbenen Positionen nicht ohne weiteres und ohne jede Garantien der Zentralregierung überlassen würden. Außerdem arbeiten die Zeit und die Verhältnisse für sie. „Ihre Vorteile“, so kabelt der amerikanische Time-Korrespondent seiner Zeitung, „liegen im Hunger, in der Inflation und in den Entbehrungen.“ Zudem haben die Kommunisten sich sehr geschickt den Traditionen und Verhältnissen Chinas angepaßt. Ihr Agrarprogramm ist nichts anderes als das, was vor rund 4000 Jahren der chinesische Kaiser Yü die „Bodenreform des Tsingtien“ nannte; sie hat den Chinesen 2000 Jahre lang vor Ausbeutung bewahrt. Tschiangkaischek kennt zweifellos die Vorteile, die auf seiten seiner Gegner liegen und ergriff jede Gelegenheit, mit den Kommunisten zu verhandeln.

Im Frühjahr schien die Atmosphäre für eine Verständigung geschaffen zu sein. Maotsetung, der „Kopf“ der Kommunisten, und General Chouenlai, der kommunistische „Unterhändler Nr. 1“ begaben sich im Flugzeug von Yenan, ihrem Hauptquartier, nach Tschungking, um „den inneren Frieden zu sichern, die sofortige Bildung einer demokratischen Regierung zu beschleunigen und die Einheit der Nation zu stärken.“ Das beiderseitige Interesse an der Unabhängigkeit Chinas, der Demokratisierung und dem materiellen Wohlstand des Volkes schien der Schlüssel für das Tor der Verschmelzung zu sein.