Lord Beveridge hat nach Beendigung seiner Reise durch die britische Zone die dort gewonnenen Eindrücke Zusammengefaßt in der Feststellung: „Die Zeit für eine grundsätzlich neue Politik ist gekommen.“ In einer Artikelfolge, die in der „Times“ veröffentlicht wurde, spricht er von dem Friedenspotential, das die Grundlage aller wirtschaftspolitischen Erwägungen und Maßnahmen in Deutschland bilden müsse, und stellt damit dem Begriff des zu zerstörenden Kriegspotentials, das den Angelpunkt der Potsdamer Beschlüsse bildet, einen positiven Begriff gegenüber. Dieser Idee liegt die Erwägung zugrunde, daß, wenn es einen totalen Krieg gab, es auch einen totalen Frieden geben müsse.

„Friedenspotential“, das ist das erlösende Wort, das stark genug sein sollte, um eine neue Welt zu gestalten. Eine Welt, die nicht bestimmt wird durch eine nur allzu begreifliche Reaktion auf die entfesselten Leidenschaften und Grausamkeiten der hinter uns liegenden Zeit; und eine Wirtschaft, in der nicht der Argwohn die Frage diktiert: Kann diese oder jene Anlage unter irgendwelchen Umständen zu Rüstungszwecken mißbraucht werden?, sondern wo die Problemstellung vielmehr lautet: Kann die Werft auch, wenn sie bisher Kriegsschiffe produzierte – und vermutlich hat das jede Werft im Laufe des totalen Krieges irgendwann einmal getan –, jetzt Fischkutter herstellen, oder kann die Fabrik, die bisher Panzer baute, in Zukunft landwirtschaftliche Traktoren erzeugen? –

Mit wenigen charakteristischen Strichen entwirft der alte erfahrene Staatsmann seinem Volk ein Bild des heutigen Deutschlands, der vollkommenen Hoffnungslosigkeit nicht nur der gegenwärtigen Situation gegenüber, sondern der Hoffnungslosigkeit in Permanenz: Die vielen heimatlosen Menschen, die zerschlagenen Städte und die daniederliegende Industrie, deren Restbestand weiter verkleinert wird durch Demontage und Zerstörung, der nahende Winter ohne Kohlen mit unzureichender Ernährung, die Streichung aller Versorgungsrenten und die Beschlagnahme der letzten Wohnungen in einem Meer von Trümmern, die keine Ausweichmöglichkeit mehr bieten. Er spricht von der Sprengung der Hamburger Werft, bei der unendlich viel wertvolles Material, das dem Frieden und einem neuen Aufbau hätte dienstbar gemacht werden können, vernichtet wurde, und von der Denazifizierung, die den Verbrecher ebenso trifft wie den hochqualifizierten Arzt oder irgendeinen wissenschaftlichen Spezialisten, der nun, anstatt ein Wohltäter seines Volkes zu sein, zur Untätigkeit verdammt ist und in haßerfüllte Opposition gerät.

Seine Forderungen zeugen von tiefem Verständnis: Freilassung der deutschen Kriegsgefangenen in England, bessere Versorgung Deutschlands mit Kohlen, Intensivierung der Industrie anstatt Beschränkungen in der Produktionsquote und vor allem dies: die Revision der Potsdamer Beschlüsse.

Sie sind untragbar, so sagt Beveridge, weil sie bisher nur in ihrem negativen Teil, also einseitig durchgeführt worden sind, ohne daß die Voraussetzung sämtlicher Beschlüsse, nämlich die ökonomische Einheit aller vier Zonen, je zur Realität geworden wäre. Darüber hinaus aber ist nach seiner Meinung eine Revision aus grundsätzlichen Erwägungen deswegen notwendig, weil die Politik von Potsdam eine „totalitäre“ Politik gewesen sei, die mit den demokratischen Idealen von Toleranz und Gerechtigkeit, für die der Krieg geführt worden ist, unvereinbar wäre, und die im übrigen die Vereinbarungen der Atlantik Charter zu, einer „reinen Heuchelei“ mache.

Wir stehen an einem Wendepunkt und empfinden mit dankbarer Hoffnung die neue Atmosphäre von Einsicht und Menschlichkeit, die in uns die vorbehaltlose und aufrichtige Bereitschaft erweckt, über manche Klippe und Enttäuschung hinweg unsere ganze Kraft einzusetzen, um in diesem Geist des Friedens das neue Deutschland aufzubauen. Gerade das deutsche Volk, das nur allzu leicht geneigt ist, einen einmal eingeschlagenen Weg grundsätzlich bis zu Ende gehen, auch wenn er geradeswegs ins Verderben führt, bewundert die politische Freiheit und Unabhängigkeit des englischen Volkes, die es dazu befähigt, unter Umständen, das Steuer um 180 Grad zu wenden, wenn sich der gesteuerte Kurs als falsch oder unzweckmäßig erwiesen hat.

Die neue Politik, die Lord Beveridge vorschwebt, ist mit der ganzen Weisheit einer tausendjährigen Geschichtserfahrung seines Volkes von Tschiangkaischek nach Beendigung des japanischen Krieges in klassischer Weise formuliert worden: „Der mit den Waffen errungene Frieden braucht nicht unbedingt der Anfang einer neuen Friedensära zu sein, die Entscheidung liegt darin, ob wir fähig sind, den Feind so geschickt und gütig zu führen, daß er von Herzen bereut und Friedensbefürworter wird wie wir. Dann können wir auf die Verwirklichung des Weltfriedens hoffen und das Endziel dieses Krieges erreichen.“ M. Dff.