Von Gustav Kampendonk

In Hamburg haben unter der Regie von Helmut Käutner die Aufnahmen zu dem ersten deutschen Tonfilm in der britischen Zone „In jenen Tagen“ (Camera-Filmproduktion GmbH) begonnen. Das Drehbuch wurde von Ernst Schnabel und Helmut Käutner gemeinsam verfaßt.

Es war eine ebenso dumme wie raffinierte Taktik des Propagandaministeriums, den von ihm dirigierten Filmbetrieb sozusagen bis fünf Minuten nach zwölf laufen zu lassen. Während die Kämpfe in und um Berlin schon im Gange waren, wurde noch über Filmprojekte debattiert – wenigstens tat man so, als habe man keine anderen Sorgen. Über Nacht war es dann aus mit dem „deutschen Film“ Goebbelsscher Prägung, dessen Geschichte, wollte man sie schreiben, alle je erschienenen Chroniques scandaleuses in den Schatten stellen würde mit ihren Lächerlichkeiten, Korruptionen, Eitelkeiten, ihrer pikanten Mischung doktrinärer Kulturpolitik und frivoler Aventüren und ihrer ungewollten Komik. Aber noch bevor das letzte „Licht aus!“ in deutschen Ateliers gerufen wurde, hatten sich die Filmkünstler, die eine beneidenswerte Geschicklichkeit im Arrangieren unkontrollierbarer Reisen besitzen, zum größten Teil von Berlin aus (mißtrauisch beäugt vom „Promi“ übrigens) in andere Teile des Reiches verfrachtet. Als der erste Kanonendonner von der Oder herüberzuwehen begann, wurden plötzlich die für später disponierten Außenaufnahmen vorgezogen und die einzelnen Produktionen mit ihren Stäben fuhren davon, die einen nach Bayern, die andern in die Lüneburger Heide, um hier weniger das Ende des Krieges als die Ankunft der westlichen Alliierten abzuwarten.

Was sich nun im ersten Jahr nach dem Zusammenbruch im deutschen Film tat, bestand im wird zur Zeit gearbeitet. Die Defa als größtes wesentlichen aus Meldungen. Über Pläne und Projekte zum Neuaufbau. Gleichzeitig wurde liquidiert: die Ufa-Filmkunst, die Terra, die Berlin-Film. Hier waren nur kaufmännisch-wirtschaftliche Verwaltungssysteme aufzulösen, keine geistigen Zentren nazistischer Filmpolitik. Von jenen Filmleuten, die sich aktiv zur Nazipolitik bekannten und denen – wenn natürlich auch nur im verborgenen – entschiedene Nazigegner gegenüberstanden, können nur die wenigsten behaupten, unter einem Zwang gehandelt zu haben. Übrigblieb von den früheren Berliner Filmfirmen nur die Tobis, die gleich nach der Besetzung von den Russen übernommen und zur deutschen Synchronisation von russischen Filmen benutzt wurde. Dem gleichen Zweck diente die private Deutsche Filmunion, die schon im August vergangenen Jahres in Berlin entstand. Auch in der englischen Zone wurde schon verhältnismäßig früh eine Firma lizenziert, die für die Synchronisation ausländischer Filme eingerichtet war, die Rhythmoton in Hamburg.

Inzwischen häufen sich die Nachrichten über das Anlaufen einer wirklichen deutschen Filmproduktion. Als Zentrum entwickelt sich wieder Berlin; weniger, wie uns scheint, aus seiner Tradition als Filmstadt, denn aus seinen angestrengten Bemühungen, das kulturelle Zentrum Deutschlands zu bleiben. Kein Wunder, daß ein großer, vielleicht der größte Teil der deutschen Kunstschaffenden nach Berlin, zurückgekehrt ist oder zurückzukehren im Begriff steht.

Die Berliner Ateliers in Ufastadt und Babelsberg haben zu 75 Prozent unbeschädigt den Krieg überstanden, ebenfalls die Münchener in Geiselgasteig. Auch die Studios in Tempelhof werden in einigen Monaten wieder aufgebaut sein. In allen Ateliers wird zur Zeit gearbeitet. Die Defa als größtes Unternehmen mit russischer Lizenz hat bereits zwei Filme gedreht: „Die Mörder unter uns“ (Regie: Staudte) und „Freies Land“, ein Dokumentarfilm über die Bodenreform. Ein weiterer „Irgendwo in Berlin“ (Regie: Lamprecht) steht vor dem Abschluß. Ein Zirkusfilm „Allez hopp“ (Drehbuch: Köllner) und ein Kriminalfilm „Razzia“ (Drehbuch: Buchholz und Klein) sollen demnächst ins Atelier gehen. Geplant ist weiterhin die Verfilmung von Tucholskis „Schloß Rheinsberg“ (Drehbuch: Eggebrecht), Büchners „Woyzeck“, der Offenbachschen „Schönen Helena“ (Drehbuch: H. R. Bortfeldt) und eines Originalstoffes von Wolff aus den letzten Tagen Berlins, „Kolonne Strupp“. Abschlüsse mit Forst für mehrere Filme, mit Engel und anderen vervollständigen das vorläufige Programm. Mit englischer Lizenz arbeitet in Berlin das „Studio 1945“. Es schickt in einigen Wochen das Lustspiel „Sage die Wahrheit“ (anscheinend nach dem gleichnamigen Theaterstück eines ungarischen Autors) und „Zugvögel“ (Regie: R. Meyer) ins Atelier.

Im Norden Berlins hat sich mit französischer Lizenz die Herold-Filmgesellschaft etabliert. Sie dreht zur Zeit zwei Kurzfilme. Im amerikanischen Auftrag hält sich Erich Pommer in Berlin auf, der bekannte ehemalige Ufa-Produzent. Unvergessen sind seine Filme „Der Kongreß tanzt“, „Die drei von der Tankstelle“ und andere. Pommer kündigt eine Produktion unter amerikanischer Schirmherrschaft für den kommenden Herbst an. Soweit Berlin. In Hamburg hat Käutner im Rahmen der Camera-Film mit „In jenen Tagen“ begonnen, einem Film um das Schicksal eines Autos. In München läuft in Kürze die Produktion an. Auch in der französischen Zone gehen Filmpläne der Verwirklichung entgegen. Am Rhein bei Remagen werden Ateliers gebaut. In Wien drehen unter anderen Forst „Hengst Majestoso Austria“ (nach dem vielgelesenen Buch von Karl-Heinz Lehmann) und Cziffra „Die weiße Hölle vom Piz Palü“. Die Wiener scheinen übrigens schneller noch als die Berliner den Weg zu einer neuen Produktion gefunden zu haben.