Von Fritz Schumacher

Das Berliner Schloß ist zerstört.“ Neben andern ähnlichen Nachrichten berichtete der Rundfunk Ende 1945 diesen kurzen Satz. Andreas Schlüters großartiges Werk war ein Opfer von Bomben und Brand geworden. Das bedeutete etwas ungewöhnlich Bitteres; denn als nach dem Dreißigjährigen Krieg Deutschland überschwemmt war von fremdländischen Künstlern, trat in diesem Werk der schöpferische Genius unseres Volkes zum ersten Male wieder hervor. Nicht nur ungeschwächt, sondern vorwärtsweisend.

Als ich 1933 plötzlich arbeitslos gemacht wurde und mir selbst geistige Aufgaben statt der baulichen suchen mußte, war es die Gestalt dieses Mannes, zu der es mich zuerst hinzog: mit einem Vortrag über ihn trat ich zum ersten Male wieder an die Hamburger Öffentlichkeit. Es war nicht nur seine erstaunliche Leistung, die mich anzog, sondern auch sein erstaunliches Leben, und es schien mir, daß er im deutschen Bewußtsein durchaus nicht den Platz behauptete, der ihm zukam. Wohl wies ihm die kunstgeschichtliche Betrachtung diesen Platz an, aber gefühlsmäßig ist er dem Deutschen fern und fremd geblieben trotz seines heroischen Lebens.

Dachte man, während die Eroberer immer näher an Deutschlands Hauptstadt heranrückten, etwa daran, daß eben der Mann, dessen Lebenswerk da zerstört wurde, die Hauptstadt des heranrückenden Gegners als einer der ersten angelegt hatte? Wohl kaum. Und doch ist diese Tatsache nicht etwas Nebensächliches, sondern ein menschlich und künstlerisch besonders großartiger Zug im Leben des deutschen Künstlers, dem man nur wenig Ähnliches an die Seite stellen kann.

Infolge des Unglücks, das Schlüter durch den unseligen Einsturz des Münzturmes am Berliner Schloß hatte, muß er mehr als ein Jahrzehnt in beschäftigungsloser Ungnade in Berlin verleben, bis Peter der Große ihn befreite. Er berief ihn, damit er ihm beim Gestalten seiner neuen Hauptstadt helfe.

Wir kennen neuerdings den Brief, in dem Peters „Aquisiteur“ bedeutender Kräfte, ein höherer englischer Militär, Bruce war sein Name, dem König mitteilt, daß er in Mr. „Sluter“, der trotz, seiner ungewöhnlichen Gaben unbeschäftigt in Berlin säße, den für Petersburg geeigneten Mann gefunden hätte. Aus den tagebuchartigen Aufzeichnungen seines Neffen, der bei Schlüter arbeitete, wissen wir, daß er sich mit einem unvorstellbaren Arbeitseifer in seine Aufgabe stürzte. Die Pläne für die großen Hauptlinien der Stadt, die heute noch durch ihre Großartigkeit Bewunderung erregen, müssen damals entstanden sein, aber daneben die Entwürfe der mannigfachsten Bauten sowohl kleineren Umfangs wie monumentalen Ausmaßes. Es muß eine verlockende Aufgabe sein, genauer festzustellen, wo überall man seinen Spuren begegnet, auch in Bauten, die ihm die offizielle Kunstgeschichte, soviel ich weiß, gar nicht zuschreibt, wie zum Beispiel im Winterpalais, in dessen Außenarchitektur man sofort den Einfluß des originellen Fassadensystems des Berliner Schlosses erkennt.

Aber es sind gar nicht in erster Linie die einzelnen baulichen Leistungen, sondern die große Gesamtauffassung, in der wir das Bedeutsame des Schlüterschen Wirkens sehen, denn dies Wirken war nur kurz. Die zermürbte Kraft des gewaltigen Mannes hielt dieses Fortissimo des Schaffens nicht lange aus, zumal der unberechenbare Zar das Seinige getan haben wird, ihm nicht einen Augenblick der Ruhe zu gönnen. Wir sehen Peters heroischen Schatten hinter ihm stehen, wenn er mitten in den Versuchen, das Perpetuum mobile zu konstruieren, sein Leben beendet.