Von Costa Eriksen, Stockholm

Natürlich kann man sich auf den Standpunkt stellen, daß man überhaupt nicht hassen soll, und daß Haß häßlich ist wie Neid, Mißgunst oder Eifersucht. Wenn Antigone ihrem Bruder zuruft: „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da!“ so enthüllt sie – gewiß auf einer höheren ethischen Ebene! – die gleiche Einstellung wie unser modernes: „Tout comprendre c’est tout pardonner.“ Bis vor kurzem, genauer gesagt: bis zu den deutschen Bombenangriffen auf London konnte man die ethischen Überzeugungen des Durchschnittsengländers auf die Formel bringen: „There is so much good in the worst of us and so much bad in the best of us, that it ill becomes any of us to criticize the rest of us.“

Das alles hat sich jedoch in den letzten Jahren gründlich geändert. Das Hassen ist über Millionen friedlicher und liebenswürdiger Menschen wie eine Plage gekommen ohne ihren Wunsch, ohne ihr Zutun. Sie haben sich ihm nicht zugewandt wie einer lange vernachlässigten, im übrigen aber ehrbaren Beschäftigung. Man kann sogar behaupten, daß diese Menschen sich bereits nach dem Augenblick sehnen, wo sie nicht mehr zu hassen brauchen und wo sie, ohne als unpatriotisch zu gelten, zu ihrem früheren ethischen Relativismus zurückkehren dürfen. Der Haß ist also „zu Ehren“ gekommen wie die allgemeine Wehrpflicht und die Brotkarte, genau so und nicht anders. Man muß damit rechnen, daß er eines Tages verschwinden wird und daß eine aufgeklärte Nachwelt und Geschichtsschreibung über Vansittard und seine Anhänger ebenso lächeln wird, wie sie heute über Lord Northcliff und seine Gesinnungsgenossen lächelt.

Aber hat der Haß, der aus dem furchtbarsten und verbrecherischsten aller Kriege, die die Menschheit befallen hat, kein besseres Los verdient? Wenn es wahr ist, daß der Haß nichts anderes als blinder Trieb ist, der durch gewisse Ursachen ausgelöst wird und dann verschwindet, ähnlich dem Nahrungstrieb und Sexualtrieb, so dürfte freilich jeder Versuch, ihn zu verewigen; zwecklos und widernatürlich sein. Wenn aber zwischen Haßtrieb und Haß eine ähnliche Beziehung besteht wie zwischen Sexualtrieb und Liebe, dann haben wir nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, den Haß oder besser: die Haßerfahrung dieses Krieges nicht der Vergessenheit anheimfallen zu lassen; dann haben wir nicht das Recht, den Haß zu bekämpfen oder zu unterdrücken. Allerdings wird jeder Kenner der menschlichen Natur und der Geschichte des Menschengeschlechts mit Recht einwerfen, daß Haß niemals anderes hervorgebracht habe als neuen Haß, und daß jeder, der seinen Haß künstlich am Leben erhält, der Menschheit einen schlechten Dienst leistet.

Solange wir „blind“ hassen, das heißt instinktiv- und triebhaft, solange ist freilich unser Haß niemandem zum Nutzen und vielen zum Schaden; aber genau so ist es ja auch mit andern Trieben, denen wir uns blind und zügellos überlassen. Worauf es also ankommt, ist nicht, das Hassen zu verlernen, sondern ernstlich daranzugehen, mit Verstand hassen zu lernen!

Hätten wir aus dem ersten Weltkrieg unsere Lehren besser gezogen, hätten wir verständiger hassen gelernt, so wäre es niemals zu diesem neuen Krieg gekommen. Denn die Ursachen des ersten Weltkrieges waren bald nach Friedensschluß mehr oder weniger allgemein bekannt; ebenso bekannt waren die Kriegsschuldigen, nämlich die Chauvinisten aller Färbungen und Nationalitäten, die ehrgeizigen und unbegabten Politiker und Diplomaten, die gewissenlosen Waffenspekulanten, Ölmagnaten und politischen Abenteurer. Trotzdem richtete sich der Haß der Opfer jenes Weltbrandes nicht sosehr gegen diese Mächte als vielmehr gegen Völker, Rassen, bestimmte sozialen Klassen, den „Kaiser“, die „Entente“ oder die ehemaligen Feinde schlechthin.

Mit einer bloßen Ablehnung des Hasses aus ethischen Gründen, – seien es vermeintlich christliche oder allgemein menschliche – ist demnach gar nichts gewonnen. Denn die Geschichte zeigt ja, daß Haß nicht nur berechtigt, sondern notwendig ist. Allerdings müssen wir uns vor dem primitiven triebhaften Haß hüten, der nichts weiteres ist als eine menschlich verständliche, aber ethische irrelevante Reaktion auf ein uns zugefügtes Übel. Wir müssen unseren Haß läutern.