Von Karl N. Nicolaus

Früher gab es das Märchen von den Siebenmeilenstiefeln, die Kinder anziehen, um damit über Land und Meer hinzuschreiten, über Flüsse und Seen. Von dieser Sorte sind die Kinderstiefel, die ich zugeschickt erhielt, nicht. Es sind Siebzigmeilenstiefel, denn diese Strecke legten sie zurück, um durch meine Hand vielleicht repariert zu werden. Sie sind in einem Zustand, daß auch ein kleiner Knabe nicht eine Meile mehr in ihnen zurücklegen könnte. Und die siebzig Meilen brachten sie auch nur als Päckchen verschnürt hinter sich.

Da stehen sie nun vor mir, verlatscht, schiefgetreten und zerfleddert – ein Bild des Jammers. Ich kann nicht zaubern. Nichts kann ich – was die Schuhe betrifft –, gar nichts. Nicht einmal die Absätze meiner eigenen Schuhe kann ich „gerademachen“. Ich habe es einmal versucht, dabei aber die Schuhe so zugerichtet, daß ich lieber die Hände davon lasse, um mich nicht mit allen Fachleuten und Bastlern endgültig zu verfeinden. Was die Kinderstiefel betrifft, so hat man Vertrauen zu mir. Man denkt, ich würde es schon irgendwie möglich machen. Irgendwie! Sehr schön! Vertrauen ist immer äußerst ehrenvoll, aber auch stets mit erheblichen Mühen verbunden.

Ich weiß, ich weiß, eher würde ein König sein Szepter aus der Hand geben, ehe eine Mutter Kinderstiefel, und seien sie auch noch so zerfleddert, aus der Hand gibt. Die Mutter, die zu diesen Kinderstiefeln gehört, tat es. Und es wird mich eine Monatsration Zigaretten kosten – was sage ich, unter zwei Monatsrationen wird es nicht abgehen –, bis ich einen Fachmann finden werde, den ich in Verbindung mit geradezu teuflischen Überredungskünsten vielleicht herumkriegen werde, diese Stiefel zu reparieren.

Aber was soll man tun? Der kleine Udo, dem die Stiefel gehören, läuft jetzt barfuß. Das ist in Ordnung! Aber es kommt der Herbst, der Winter. Dann kann der kleine Udo nicht mehr barfuß laufen. Bis dahin müssen seine Stiefel wieder in Ordnung sein. Ich habe also meine Nebenbeschäftigung für die nächsten Monate. Erst einen gütigen Schuster finden – denn nur ein gütiger Mensch kann es sein, dem ich mit diesen Kinderstiefeln überhaupt unter die Augen zu treten wagten. Früher nannte man die Schuhmacher „die von der nachdenklichen Gilde“. Vielleicht finde ich noch so einen, den zerfetzte Kinderstiefel und die Bedrängnis eines fernen kleinen Knaben rühren. Vielleicht finde ich noch einen von der nachdenklichen Gilde, der nachdenklichen Beschwörungen zugänglich ist – zumal, wenn sie von diversen Zigaretten illuminiert sind. Vielleicht, vielleicht...

Seltsam, was mir angesichts dieser Kinderstiefel so einfällt: Da habe ich irgendwann das Buch eines dänischen Dichters gelesen. Das Werk, voll wirbelnden Schicksals und wuchernder Traurigkeit, hieß „Die Sandalenmacher-Gasse“. Es spielt im alten Rom zur Zeit des Philosophenkaisers Marc Aurel. Und in diesem Buch kommt viel ein fixer Junge vor, der heißt Jon. Es ist ein prächtiger Knabe (und hat auch Schuhsorgen), und ich liebte ihn sehr, als ich das Buch las, und ich werde den Knaben Jon sicher nie vergessen und wie er sich durch eine entsetzliche Welt mit grandioser Gewandtheit durchgeschlängelt hat. Ich denke – hilflos geworden angesichts solcher zerfetzten Kinderstiefel –, daß jener Jon aus den Tagen Marc Aurels vielleicht in jenem Udo wiedergekommen sein könnte, dem die reparaturbedürftigen Stiefel gehören. Ich denke weiter, daß die Torheit und Schwere des Lebens und die Mitleidlosigkeit und Verbohrtheit der Menschen sicher nicht geringer geworden sind seither. Und wie soll denn der kleine Udo durchkommen im Herbst und Winter ohne Stiefel? Eine Chance muß man ihm geben! Und seine Chance sind eben die Stiefel, die vor mir auf dem Tisch stehen.

Gewiß, gewiß, der kleine Udo ist mein Freund. Wir haben manchen Streich zusammen ausgebrütet. Auch habe ich ihm Gedichte beigebracht, die nichts sind für die Ohren Erwachsener. Ich bin sein Spießgeselle – und da haben wir es nun! Ich habe seine ausgefransten Stiefel auf dem Hals, Und er steht fern am Rande großer Felder und linst herüber und denkt: Hoffentlich kommen sie bald wieder, die Stiefel! Ich lese in den Narben und Fetzen dieser Stiefel, wie man in den Gesichtern von Menschen lesen kann, die viel erlebt haben.