Wenn die deutsche Glasindustrie durch Krieg und Stückelung des Wirtschaftsraumes auch nicht gerade in Scherben auseinandergefallen ist, so hat sie doch mindestens empfindliche Sprünge bekommen. Die geschichtliche Entwicklung hatte zur räumlichen Spezialisierung der Fabrikation geführt, und so erschwert nun heute, außer den Zerstörungen und Deportationen von Produktionsmitteln, die Grenztrennung der Herstellungsstandorte von den Verbrauchszentren eine kontinuierliche Versorgung.

Im Westen und Süden massierte sich die Flachglasproduktion; die Erzeugungskapazität dieser Fabriken im Ruhrgebiet, in Baden und Bayern ist auch heute noch im großen und ganzen erhalten geblieben. Sie wäre wohl in der Lage, den gesamten deutschen Bedarf zu decken, wenn es weniger an Kohle und Ferngas mangelte. Aber trotz der hier vorhandenen nicht ausgelasteten Produktionskapazität stellten sich thüringische und Lausitzer Hohlglashütten auf die Erzeugung von Flachglas

um, während man in Magdeburg sogar Fensterscheiben aus Scherben herstellt: offenbar eine etwas undurchsichtige Fabrikation, da man sie nur für Lagerräume und Ställe verwenden will.

Auch der größte Teil des deutschen Bedarfes an Flaschen – in normalen Zeiten verbrauchte allein der westdeutsche Weinhandel jährlich etwa 150 Mill. Flaschen – wurde in den westlichen Gebieten produziert. An der Spitze stand die in der britischen Zone liegende Gerresheimer Hütte mit den ihr angeschlossenen Werken. Der Siemens-Glas-Konzern und Wirges in der französischen Zone belieferten mit ihrer gesamten Produktion den Rheingau, den auch die Budenheimer Hütte mit Sektflaschen versorgte, während die Heilbronner Flaschenhütte vor allem die Pfalz versah. Mit Ausnahme des Hauptwerkes des Gerresheimer Konzernes in Düsseldorf liegen alle diese Werke noch Still, und in dieser einzigen Produktionsstätte werden erst etwa 10 Mill. Flaschen jährlich hergestellt: Nicht gerade viel, wenn man bedenkt, daß in nächster Zeit allein 2 Mill. Flaschen – und zwar gefüllt – nach den USA exportiert werden sollen!

Ganz anders war die räumliche Verteilung der Produzenten des sonstigen Verpackungsglases, der Milchflaschen und des Kleinglases. Hier lag das Schwergewicht in der Lausitz, in Thüringen und in Sachsen. Die Industrie des Ruhrgebietes und der weserländischen Glashütten erstellte nur einen kleinen Teil des Bedarfes. Da die Produktionskapazität auch dieser wenigen Werke einerseits durch Kriegseinflüsse vermindert ist und andererseits durch die Kohlenknappheit in ihrem verbliebenem Umfang nicht einmla ausgenützt werden kann, mangelt es in den westlichen Zonen allenthalben.

Ähnlich ist die Situation in der Herstellung von Wirtschaftspreßglas und Einkochgläsern. Die Hauptproduktionszentren hierfür lagen ebenfalls in der Lausitz, und das Ruhrgebiet erstellte auch hier nur einen kleinen Teil des westdeutschen Bedarfes.

Für chemisch-technisches und optisches Glas hielt die thüringische Industrie eine gewisse Monopolstellung, so daß optisches Glas heute im Interzonenhandel eine bedeutende Rolle spielt. Zugleich allerdings machen sich vor allem in der amerikanischen Zone Bestrebungen bemerkbar, dort mit eigener Erzeugung zu beginnen. So will die Fa. Schott-Jena in Bayern die Produktion optischen Glases aufnehmen.

Für Elektroglas war Berlin neben der Lausitz (Weißwasser) hervorragender Produzent. Die Kapazitätsverluste sind jedoch stark und auch darum sind eifrige Bemühungen in der britischen und amerikanischen Zone im Gange, die Herstellung im eigenen Raum aufzunehmen und zu erweitern.