Der österreichische Außenminister Dr. Karl Gruber hat mit dem italienischen Ministerpräsidenten de Gasperi eine Vereinbarung getroffen, wonach die italienische Regierung den Bewohnern Südtirols politische, kulturelle und wirtschaftliche Gleichberechtigung zugesichert hat. Das würde bedeuten, daß mindestens einige der jahrelang heißumstrittenen Forderungen der Südtiroler von Italien anerkannt werden, so der Gebrauch der deutschen Sprache als Amts- und Unterrichtssprache, das Recht, die alten deutschen Familiennamen, die inzwischen italienisiert worden waren, wieder zu führen, sowie die Zusicherung, öffentliche Ämter und Beamtenstellen bekleiden zu dürfen. Das seinerzeit zwischen Hitler und Mussolini getroffene Abkommen über die Verpflanzung der Südtiroler Bevölkerung soll rückgängig gemacht werden. Auch dürften, wie es heißt, Grenzerleichterungen im lokalen Güteraustausch vorgesehen sein. Wieweit dies zur Erfüllung österreichischer Wünsche auf eine Zollunion mit Italien beitragen wird, muß abgewartet werden.

Bislang liegt weder der Wortlaut des Abkommens vor noch ist etwas hinsichtlich der Besprechungen über die Durchführung bekannt geworden. Anscheinend wird dieses zweiseitige Abkommen der Pariser Friedenskonferenz vorgelegt werden, die sich dann darüber schlüssig werden muß, ob durch eine internationale Garantie die Durchführung der Vereinbarung gesichert werden kann.

Es ist erfreulich, daß zwischen zwei früheren Feindstaaten diese Einigung zustande gekommen ist, insbesondere, als es hierdurch dem österreichischen Außenminister gelungen ist, den eisernen Ring außenpolitischer Isolierung an einer Stelle zu öffnen. Anderseits dürfte der Wunsch der Südtiroler, deren zukünftiges Schicksal das Kernstück dieses Abkommens ist. nach einer Volksabstimmung abgelehnt worden sein. Es bleibt daher abzuwarten, inwieweit eine solche Regelung, die den Grundsatz des Selbstbestimmungsrechts der Völker außer acht läßt, eine dauerhafte Befriedung bringen kann.