Nur die Steine sind tat, die Menschen sind ichhaft. Man kommt aus leidenschaftlichen Debatten und stolpert müde heim ins Notquartier zu einem der vielen gastfreundlichen Freunde. Die Füße wissen die Wege, die der Kopf vergaß und das Auge nicht mehr erkennt. Aber selbst für einen Fremdling in der Stadt wäre es wohl nicht schwer, sich zu orientieren Denn der Dom, der dunkle, freigelegte Riese, beherrscht die Stadt viel mehr als je zuvor. Er ist Mittelpunkt und weist die Wege. Vielleicht den Weg in die Zukunft.

Um den Dom. dessen Tore sonst immer offen waren für fremde oder nur neugierige Gäste, windet sich ein rostiger Zaun. „Zutritt verboten. Lebensgefahr!“ Drinnen werkt eine Gruppe Arbeiter. Schuttberge türmen sich, wo Gott sonst wohnte. Inmitten des Domes ein tiefer, tiefer Schacht, „Fundamentuntersuchung“, sagt ein Vorarbeiter, Aber das ist es nicht allein. Denn dem Manne, der die Ausgrabung des Schachtes überwacht, kommt es auf die Ausgrabung an. Er gesteht es ein: er ist Archäologe. „Hier ist einer der Punkte“, sagt er und deutet in die Tiefe, „von dem die Archäologen seit langem wußten, daß es interessantere kaum in Europa gibt.“ Er meint, daß hier alter Kulturboden sei im engsten Sinne des Wortes. Die Erde gibt Münzen und Scherben und andere Dokumente heraus, die von Jahrtausenden erzählen. Die Münzen und Scherben aus römischer Zeit, deren Alter man genauer bestimmen kann als die Funde aus dem Mittelalter, sind in einem Regal gesammelt. Und was ist das drinnen für eine rechtwinklige Mulde in Stein gefaßt? „Das Grab des Grafen Edmundus aus dem neunten Jahrhundert, einer der Stifter des alten romanischen Domes, der sich an der gleichen Stelle erhob wie der gotische Dom von heute.“ Für diesen Grafen wurde alljährlich am 16. November die Gedächtnismesse gelesen, jahrhundertelang. Und da ist nun sein Grab. Diese Erde erzählt das Schicksal des Landes bis tief in die Römerzeit hinein, eine harte, bunte, fromme Geschichte. Zu denken, daß die Archäologen alleweil davon geträumt hatten, an dieser Stelle – mitten im Dom – einmal graben zu dürfen... Aber der heilige Ort verbot es. Und da steht nun inmitten des Schutts, inmitten des gewaltigen Untergangs einer modernen Großstadt, inmitten der Kathedrale, die immer noch Weihe atmet, der junge Wissenschaftler und sagt halb verlegen und mit einem Anflug von Humor, halb mit sachlicher Überzeugung: „Ich hätte nicht gedacht, daß ausgerechnet ich das Glück haben sollte, im Dom zu graben...“

Was die Wissenschaft und die Kunst betrifft, ist Köln nicht so übel dran, wie man’s angesichts seiner Trümmer glauben könnte. Die Universität verfügt noch über Räume, die Hochschule für Musik ist ebenfalls wiedereröffnet, und was die Museumswerte angeht, ist Köln in der seltsamen Lage eines Mannes, der die herrlichsten Rembrandts besitzt, aber nicht Winde, sie aufzuhängen. Die Museen sind verschwunden, aber die Kostbarkeiten, rechtzeitig evakuiert, kehren in die Stadt zurück. Wie gut trifft es sich, daß im Eigelsteintor zwar kleine, aber helle Räume vorhanden sind, geradezu prädestiniert, periodische Ausstellungen bewußter Auslese zu veranstalten. Und wirklich trifft man hier stille Menschen, die sich geradezu andachtsvoll der Schönheit freuen, die sie sonst allenthalben vermissen müssen.

Rheinische Arabesken

Daneben ist gleich der schwarze Markt. Und dort endlich ist Schäl in hundertfältiger Gestalt anzutreffen. Schäl, der Pessimist unter den Witzbolden, der Mann mit dem dunklen Vorgefühl, der bis zum „dicken Ende“ im überfüllten Stadtgefängnis, dem „Klingelpütz“, die absonderlichsten Sachen aus der Tasche zaubert. Von der Butter bis zur englischen oder belgischen Zigarette. Tünnes aber, der Optimist, steht zu Füßen des Eigelsteintores, in den ehrlichen, biederen „Billigen Jakob“ verwandelt, und seine Kostbarkeiten sehen entsprechend aus: Haarwickler, eine gedruckte Anleitung für den Tabakanbau, Schlüsselringe – „Et fählt dann bloß noch de Dür zom Schlüsselring, äwwer et Is’n Anfang“ – und ein Extragriff aus Holz zum Tragen schwerer Koffer – „... nemmen Se den Griff, leeven Heer, mer han all schwer je draagen...“ Und von ferne, hinter großen Schuttbergen, klingt eine heisere einsame Trompete.

In einem Restaurant am Ring. Ein schön gemaltes Schild hängt an der Wind; „Schwarzhandel sowie das Verzehren mitgebrachter Getränke in diesem Lokal ist strengstens untersagt.“ Da sieht man im Geiste den obdachlosen Gelegenheitsarbeiter Tünnes, mit der traditionellen Flasche, wie er das was er erwacht hat, irgendwo auf den Trümmern „verzehrt“, umgeben von den bunten Unkrautblüten im Geröll Der Geschäftsführer des Lokals indessen verteilt an die Kellner die streng legale Speisekarte: ein ironisches Lächeln auf seinen Zügen, und auf die gleiche Weise lächelnd quittieren’s die Kellner und verteilen weiter, so daß sich die gelächelte Ironie flugs im ganzen Restaurant verbreitet. – Es ist schwer zu erklären, aber eben darin erkennt man, daß sich der höhnische Esprit nicht zugleich mit der Stadt in Schutt und Mörtel auflöste. So verwegen es klingt – man darf doch sagen, daß dort mit mehr Grazie gehungert und schlecht gewohnt wird als anderswo, und selbst in den überfüllten Straßenbahnen – die seltener geworden sind, weil viel vom einst so stattlichen Wagenpark eingebüßt wurde – herrscht mehr ironischer Witz als böse Schimpferei.

„Man kann alle Sachen mit etwas Grazie machen. Die Frage ist nur die: – wie?“ Der Kölner, der diesen Satz zitierte, verwies darauf, daß Köln mit Hingabe dabei ist, wenigstens sein kulturelles Leben aufzubauen. „Da man Düsseldorf so in Glanz und Sorgen der neuen Staatsgeschäfte sieht, bleibt uns nichts übrig, als uns ins Innere zu versenken.“ Dies Wort, nicht ohne Ironie gesagt, verrät doch viel von dem Entschluß, den Kopf nicht hängen zu lassen und von der echten Sehnsucht nach einer schöneren Illusion des Lebens. Ist beispielsweise auch der Gürzenich, der herrliche mittelalterliche Festsaal verloren, so hat man das berühmte Gürzenich-Orchester doch wiederaufgebaut, und sogar die Sachverständigen sagen, es habe kaum jemals schöner als heute unter Trümmern gespielt, und es sei unter dem jüngsten deutschen Generalmusikdirektor nicht nur der Tradition seiner großen Dirigenten der Vergangenheit würdig, sondern energisch auf dem Wege, die hohe Leistung wieder zu erreichen, mit der es einst unter Fritz Steinbach weltberühmt geworden „Und waren Sie schon im Millowitsch-Theater?“ fragt ein Mentor durch das neue Köln. „Dort kann man wirklich unter Trümmern lachen.“