In der Ernährung seines industriellen Wirtschaftskörpers mit Kohle ist Frankreich Teilselbstversorger. Es hat schon 1938 etwa 20 Mill. t, über ein Viertel seines Gesamtverbrauches, einführen müssen. Der jährliche Bedarf wird aber jetzt um 15 Mill. t höher als 1938, nämlich auf 85 statt damale 70 Mill. t, geschätzt.

Geplant ist die Intensivierung der Eigenförderung. die bis 1950 auf 65 Mill. t gebracht werden soll. Das erscheint möglich, da Frankreich schon im März dieses Jahres seine (auch weiterhin steigende) Kohlenförderung mit 4,19 Mill. t über denMonatsdurchschnitt des Jahres 1938 (4,08 Mill. t) gesteigert hatte. Gegenüber dem Juli des vergangenen Jahres, mit der Förderung von 2,7 Mill. t, ist das ein gewaltiger Fortschritt! Der zum Teil recht altväterlich, betriebene Abbau dürfte durch Modernisierungen weiter zu intensivieren sein. Bisher kommt den französischen Zechen noch die Arbeit von 45 000 deutschen Kriegsgefangenen zugute. Später wird man italienische Arbeiter heranholen müssen.

Frankreichs Kohlennot resultiert heute aus der Schwierigkeit, das restliche Viertel seines Vorkriegsbedarfs, das es einst importierte, zu beschaffen. 1938 stammten 7 Mill. t oder rund ein Drittel der Importe aus Deutschland, vorwiegend aus dem Ruhrgebiet, weil die französische Industrie den Ruhrkoks höher bewertete, als den Koks eigener Erzeugung. Der übrige Import kam aus England, Holland, Belgien und Polen.

Bei einem Bedarf von 85 Mill. t und einer Eigenproduktion von 65 Mill. t würde praktisch die Einfuhrquote für 1950 dieselbe sein wie für 1938. Wie unklar oder mindestens wie widersprechend die Vorstellungen sind, die man sich über die eigene Kohlenwirtschaft macht, zeigen die französischen Forderungen nach einer Klausel im künftigen Friedensvertrag, auf Grund deren Deutschland für die Dauer von 20 Jahren an Frankreich jährlich 20 Mill. t Kohle zu liefern hätte. Das würde praktisch die langfristige Aussperrung aller anderen Kohlenexportländer vom französischen Markt bedeuten.

Vorläufig sieht denn freilich die Praxis auch noch ganz anders aus. 1945 lieferte Deutschland zwar anteilmäßig 36 v. H. des französischen Imports gegenüber 31 v.H. im Jahr 1938, jedoch tatsächlich (mit 1,3 Mill. t aus dem Ruhrgebiet und 0,6 Mill. t aus dem Saargebiet) nur rund ein gutes Viertel seines letzten Friedenskontingents. Wenn nicht die USA erstmalig als Kohlenlieferanten Europas auch Frankreich mit 1,7 Mill. t beschickt hätten, wäre dessen natürlicher Kohlenhunger noch quälender gewesen.

Beim gegenwärtigen Stand der Förderung in Deutschland und beim Festhalten an der bisherigen, vom Kontrollrat beschlossenen Aufteilung würde Frankreich für das Jahr 1946 aus der deutschen Produktion etwa 5,2 Mill. t erhalten. Das wären rund 2 Mill. t weniger als 1938 und rund 4 Mill. t weniger, als die Franzosen für dieses Jahr aus Deutschland zu erhalten hofften, und überhaupt nur ein Viertel dessen, was sie auf der Friedenskonferenz fordern möchten. Es wäre jedoch anteilmäßig weit mehr als 1938, nämlich 27 v. H. des deutschen Exports gegenüber 20 v.H. 1938 und 9 v. H. der deutschen Gesamtförderung gegenüber 4 v. H. 1938. Über die Qualität der USA-Kohle, die 20 Dollar gleich 2400 Francs kostet gegen 1500 Francs Inlandpreis, wird lebhaft geklagt. Da die englische Ausfuhr scharf zurückging, auf etwa 10 v.H. und damit verhältnismäßig noch sehr viel schärfer als die deutsche, scheint auch von dieser Seite kaum Entlastung möglich.

So ist es nicht verwunderlich, daß Frankreich unter anderem eine Belieferung Deutschlands mit polnischer Kohle und dafür eine Erhöhung des französischen Ruhrkohlenimports zur Diskussion stellt. Wesentlicher vielleicht wird der Ersatz von Importkohle durch Rohöleinfuhren sein (zur Raffination – an Rohölverfeuerung wird offenbar weniger gedacht. Erdöl ist; zumal für Frankreich, das frachtgünstig für Iraköl liegt, billiger als Kohle. Der Bau einer Pipe line Marseille–Lyon–Basel wird, erwogen (neben einer Leitung Le Havre–Paris). Von kommunistischer Seite propagiert man die Ausnutzung der südfranzösischen Braunkohlenvorkommen durch Schaffung von Hydrieranlagen, mit der Begründung, daß Devisen fehlten und jede Einfuhr „politisch unsicher“ sei. dke.