Die Rede des amerikanischen Außenministers im Stuttgarter Opernhaus war eine programmatische Erklärung über die Grundsätze der amerikanischen Außenpolitik, die an einem Teilproblem, dem Frieden für Deutschland erläutert, an den Einzelheiten eines Sonderfalls also beispielhaft dargelegt wurden. Schon die Wahl des Ortes unterstreicht die Bedeutung. Hätte Byrnes nur auf die Molotow-Rede vom 10. Juli 1946 über die deutschen Reparationen und die besonderen Ansprüche Rußlands antworten wollen, so wäre dazu in Paris Gelegenheit genug gewesen. Aber die dramatische Verlegung des Schauplatzes nach Stuttgart, der vorhergehende Besuch in Berlin, der Stadt, die als Hauptstadt die Einheit Deutschlands repräsentiert, ist ein sichtbares Zeichen, daß der Rede ein besonderes Gewicht zukommt, daß sie mehr ist als ein diplomatischer Schachzug in dem großen Spiel der Weltfriedensverhandlungen.

Der Kreis, vor dem diese Rede gehalten wurde, war sorgfältig ausgewählt, um diesen Eindruck zu verstärken. In der Begleitung des amerikanischen Außenministers befand sich Senator Vandenberg, der anerkannte außenpolitische Sachverständige der Republikanischen Partei, dessen isolationistischer Gegenspieler Senator Wheeler bezeichnenderweise gerade in diesen: Tagen seine offizielle Position als republikanischer Senator verloren hat. Zugegen waren ferner der amerikanische Senator Tom Connally, der Vorsitzende des auswärtigen Ausschusses des amerikanischen Senats, und Mr. Ben Cohen, der Leiter der europäischen Abteilung im Staatsdepartement der USA. Unter den Zuhörern waren General MacNarney, der Oberbefehlshaber der amerikanischen Besatzungstruppen, sein Stellvertreter General Clay, sein politischer Berater Botschafter Murphy, Vertreter der auswärtigen Konsulate, Delegierte der britischen, französischen und amerikanischen Besatzungsstreitkräfte und – was für viele unerwartet kam – Mitglieder des süddeutschen Länderrates, an ihrer Spitze die drei Ministerpräsidenten Dr. Högner, Dr. Geiler und Dr. Meier. Diese Teilnahme deutscher Vertreter war ein besonderer Beweis für die Realistik einer Außenpolitik, die das Zeichen wirklicher Weltmacht ist, sie war die sichtbare Anerkennung der oft geleugneten, aber unumstößlichen Tatsache, daß ein Land auch dann noch ein Partner bleibt, wenn es, äußerlich betrachtet, nur ein politisches Objekt zu sein scheint. Noch ein anderer großer Staatsmann außer Byrnes, war unsichtbar anwesend, Ernest Bevin, denn wie englische Meldungen feststellen, war die Rede vorher mit dem englischen Außenminister abgestimmt.

Amerika will Frieden in der Welt einen unteilbaren und dauerhaften Frieden – das ist der Kernpunkt der amerikanischen Außenpolitik, wie sie in der Rede von Byrnes zum Ausdruck kommt. Dies bedeutet: jedes-Land der Welt – auch das machtloseste – muß Recht und Möglichkeit haben, seine inneren Angelegenheiten nach eigenem Willen frei zu ordnen und zu gestalten. Diesem Zustand – das ergibt sich zwangsläufig als logische Folgerung – muß Deutschland schrittweise, doch sobald wie möglich, entgegengeführt werden. Deshalb fordert Byrnes eine provisorische deutsche Regierung, deren Einsetzung nicht durch fremde Regierungen erfolgt, sondern die sich aus demokratisch verantwortlichen Mitgliedern, Präsidenten und anderen leitenden Beamten der Länder und Provinzen aller vier Zonen zusammensetzen soll. Dieser Nationalrat hat die Aufgabe, eine Verfassung vorzuschlagen, die einer gewählten Körperschaft zur endgültigen Ausarbeitung unterbreitet und dann dem deutschen Volk zum Entscheid vorgelegt werden soll. Damit wäre die erste Bedingung erfüllt, die es Deutschland ermöglicht, seine ihm zustehende Rolle in der Friedenskonzeption zu übernehmen, wie sie das Ziel der amerikanischen Außenpolitik bildet. Die Voraussetzungen sind die Einheit des deutschen Staates und der Besitz einer demokratischen Verfassung.

Eine solche Staatseinheit aber setzt voraus, daß alle Verordnungen und Gesetze aufgehoben werden, auf Grund deren Deutschland heute in vier scharf getrennte Teile zerfällt. Folgende Maßnahmen sind es, deren sofortige Ergreifung der amerikanische Außenminister für unumgänglich hält: die – Herstellung einer deutschen Wirtschaftseinheit; die Einrichtung einer zentralen Verwaltung für Industrie und Außenhandel; die einheitliche Organisation von Verkehr, Transport und Post; eine einheitliche Verwaltung der Landwirtschaft, damit höchste Produktion und beste Verteilung der Nahrungsmittel sichergestellt werden; die Schaffung einer gemeinsamen Finanzpolitik, die notwendig ist angesichts einer unmittelbar drohenden Inflation, und die Beseitigung aller künstlichen Hindernisse, die es Deutschland unmöglich machen, sein friedensmäßiges Wirtschaftsleben aufzubauen. Alle Verwaltungen endlich, die erforderlich sind, um diese Fragen zu regeln, sollen in deutsche Hände gelegt werden. Das bedeutet also, daß die Zonengrenzen in Zukunft keinen anderen Zweck mehr haben werden, als Linien zu sein, die den Bereich der verschiedenen Besatzungstruppen trennen.

Scheinbar mühelos baut sich so das Bild eines einheitlichen deutschen Staates auf, der auch unter fremder Besatzung in kürzester Zeit entstehen könnte. Daß dies möglich ist, entspringt folgerichtig der genialen, ebenso einfachen wie umfassenden Grundkonzeption der amerikanischen Außenpolitik: der Forderung nach einem dauerhaften und unteilbaren Frieden. Damit aber dieser Friede wirklich unteilbart sei, muß er sich gleichmäßig über gleichberechtigte Völker erstrecken. Daraus ergibt sich wiederum logisch und unausweichlich die Forderung, daß jeder Staat in der Welt gerechte Grenzen haben muß. Dies ist eine selbstverständliche Feststellung, die doch in der Geschichte der Menschheit allzu oft vergessen worden ist. Grenzen gehören niemals einem Staat allein, sie sind immer gemeinsames Eigentum und werden gemeinsam erlitten. Sobald sie einseitig festgesetzt wurden, sind sie stets der Grund zu Reibungen, Streit und endlosen Kriegen gewesen.

Ein unteilbarer Friede verlangt daher, und so fordert es Byrnes, daß Deutschland gerechte Grenzen erhält. Die richtigen Grenzen, dies klingt aus der rede deutlich hervor, wären nach amerikanischer Auffassung die Grenzen von 1937. Und da die Rede nach englischen Meldungen mit Bevin abgestimmt worden ist, so dürfen wir annehmen, daß auch die englische. Regierung ähnliche Meinungen vertritt. Was steht dem im Wege? – Byrnes zählt die einzelnen Punkte auf, und das echte Bedauern, das hierbei aus seinen Worten klingt, spricht zu unseren Herzen; es zeigt die menschliche Wärme, mit der der amerikanische Außenminister die großen Ideale seines Landes vertritt.

Im Potsdamer Abkommen sind Gebiete festgelegt worden, die provisorisch der Sowjetunion und Polen überwiesen worden sind. Damals erklärten sich die Regierungschefs bereit, einen Vorschlag der sowjetischen Regierung für die Friedensregelung zu unterstützen, der sich auf die Übergabe der Stadt Königsberg und der benachbarten Gebiete an die Sowjetunion bezieht. „Sollte die Sowjetunion“, so fährt Byrnes fort „ihre Ansichten über diesen Punkt nicht geändert haben, werden wir sicherlich an unserem Übereinkommen festhalten.“ Es ist unmöglich zu überhören, wie zart und eben dadurch so besonders eindringlich hier ein Appell an Rußland gerichtet ist, seinen Anspruch zu revidieren. Wir können nur hoffen, daß dieser Anruf nicht ungehört bleibt.