Weimar, Erfurt, Gotha, Eisenach, Sondershausen, Nordhausen, Meiningen, Rudolstadt, Altenburg, Jena und Gera haben ihre neue Spielzeit begonnen. In der sowjetischen Besatzungszone scheint gerade das thüringische Theaterleben besonders umstritten; es tritt nun also in seine zweite Entwicklungsphase,

Die erste wurde abgeschlossen durch die Thüringer Theaterschau (bei der die Kritiker der thüringischen Presse von Stadt zu Stadt reisten, um hier je eine Spitzenaufführung zu sehen) und die langen Diskussionen, die sich an sie knüpften. Kernproblem, unter vielerlei Umschreibungen immer wieder erörtert, war die Frage: Wie ziehen wir die Menschen ins Theater?

Das ist schon ein Problem, denn die Theater erhalten keine Zuschüsse und müssen große Ensembles unterhalten, denn Dreipersonenstücke werden auf die Dauer nicht besucht. Die Theater sind nicht leer, aber sie könnten voller sein. Außerdem drücken schon die Schatten einer geldärmeren Zukunft. Warum der mangelhafte Besuch, da doch ein guter Theaterplatz nicht mehr kostet als ein Kornschnaps? Was ist hierüber nicht alles gesagt und geschrieben worden! Und alles unter der gleichbleibenden Voraussetzung: das Publikum ist schuld! Man redet über das Zeitstück. Das Publikum lehnt das Zeitstück ab. Die Frage, ob das vielleicht – wenigstens zu einem kleinen bescheidenen Teil – auch an der künstlerischen Qualität dieser Zeitstücke liegen könnte, wird nicht gestellt. Die Frage, ob unzureichende Aufführungen die Menschen dem Theater fernhalten könnten, schien sich zu erübrigen. Man war einfach dem Publikum böse.

Und man schlug vor, die Leute zu erziehen, Einführungsabende zu „Hamlet“ und „Faust“ abzuhalten, analysierende Artikel in die Presse zu lancieren und Erläuterungen auf die Rückseiten der Theaterzettel zu drucken, kurz: man forderte, daß die Nachtigall mit dem Hademesser seziert werden solle, damit ihr Gesang verständlich würde.

Die Intendanten sahen schließlich noch am ehesten, wo der schwache Punkt saß. Er saß im Ensemble. Das .Ensemble war zu klein. Zumindest hatte es zu wenig Männer. Auf jeden Fall fehlten die richtigen Männer. Aus zwei Heldenvätern kann man nicht einen jugendlichen Helden machen. Die Ensembles sprachen dem Begriff ihres Namens vielfach Hohn: Es waren Gesellschaften von Schauspielern, die man im vorigen Sommer, der post- und eisenbahnlosen Zeit, engagiert hatte, wie man ihrer hatte habhaft werden können. Im Juli 1945 hatte der Intendant kaum einen künstlerischen Anspruch an die Mitglieder seines Hauses gestellt, im April 1946 stellten aber die Stammsitzen diesen Anspruch sehr vernehmlich und drohten, ihr Abonnement nicht zu erneuern. Und die Theater erhalten keine Zuschüsse. Die Krise war da. Und die Lösung? Einführungsabende – im Ernst?

Die Thüringer Spielpläne werden nicht in Weimar gemacht und den Bühnen als Auflage mitgeteilt. Das muß gesagt werden. Denn die Einmütigkeit, mit der „Nathan“ und „Kabale“, „Iphigenie“ und ein paar Operetten erschienen, ist zu auffällig. Sie ist nur damit zu erklären, daß sich offenbar der eine Intendant am andern orientiert. An sich kann das unerheblich erscheinen, denn die Geraer gehen nicht in Nordhausen, die Gothaer nicht in Jena ins Theater. Aber es spricht doch für einen Mangel an unternehmender Phantasie. Wenn jetzt überall der „Sommernachtstraum“ auftaucht, so liegt das natürlich an dem verständlichen Wunsch, die Mendelssohn-Musik aufzuführen; in der vergangenen Spielzeit war das Ensemble allenthalben noch zu klein (aus dem gleichen Grunde folgen jetzt mehrfach „Die Räuber“). Aber wenn sich diesem allgemeinen Zug auch eine Bühne anschließt, die besser, die „Widerspenstigen“ spielte, weil sie ein außergewöhnliches Käthchen und einen beispielhaften Petrucchio hat, dann wird die höhere Erfolgschance einer zeitbedingten Erwägung rechtleichtfertig geopfert. Das dürfte kein Einzelfall sein.