Das bulgarische Volk hat am vergangenen Sonntagüber seine zukünftige Staatsform abgestimmt. Nach den offiziellen Bekanntmachungen haben die Republikaner eine überwältigende Mehrheit erhalten. Die Volksrepublik wurde’sofort ausgerufen. Selbst, wenn die Monarchie im Laufe der letzten Jahre keinen fühlbaren Prestigeverlust erlitten hätte, mußte man angesichts der Vorbereitungen und der Durchführung des Plebiszits davon überzeugt sein, daß die Republikaner ihr Ziel erreichen würden. Denn in den letzten Jahren hat eine Diktatur, haben die Demokratien östlicher Prägung, wie sie sich auch immer nennen mögen, niemals eine Wahlniederlage erlitten. Sie erreichten und erreichen immer „überwältigende Siege“. Ganz abgesehen davon, war es nicht möglich, während der ganzen Zeit der Wahlkampagne etwas anderes als die Republik zu propagieren.

Bulgarien ist heute durch die Truppen der Sowjetunion besetzt. Schon häufig war in der Geschichte dieses Land ein Objekt der russischen Politik. Nachdem es dem russischen Zaren zum Ausgang des letzten Jahrhunderts nicht gelang, seinen Einfluß und seine Macht auf dem Balkan zu konsolidieren, um von dort aus seine weiteren Pläne zu verwirklichen, begann die Sowjetunion zu Beginn des zweiten Weltkrieges ihre Politik im Südosten zu aktivieren. Im Herbst 1940 besuchte der damalige stellvertretende sowjetische Außenkommissar, Sobolew, Sofia und unterbreitete der bulgarischen Regierung konkrete Vorschläge hinsichtlich des Abschlusses eines sowjetisch-bulgarischen Beistandspaktes. In den Flugblättern, die damals ganz Bulgarien überschwemmten, hieß es unter anderem: „Die Regierung der Sowjetunion ist der Ansicht, daß die Sicherung und Erhaltung des Friedens am Schwarzen Meer und den Meerengen im gemeinsamen Interesse beider Länder liegt und die größten Anstrengungen erfordert. Die Sowjetunion verpflichtet sich, die gerechten bulgarischen Forderungen gegenüber der Türkei und Griechenland zu unterstützen. Bei Abschluß eines solchen Paktes hat die Sowjetunion nicht nur nichts gegen den Beitritt Bulgariens zum Dreimächtepakt einzuwenden, sondern sie wird sich auch selbst diesem Pakt anschließen.“ Ähnliche Absichten ließ Molotov anläßlich seines Berliner Besuches bei Hitler Erde desselben Jahres verlauten.

Vier Jahre später, im September 1944. als die deutsche Südostfront zusammenbrach und die bulgarische Regierung unmittelbar vor Abschluß eines Waffenstillstandsvertrages mit den westlichen Alliierten stand, erklärte die Sowjetunion Bulgarien den Krieg. Die Rote Armee besetzte das Land. Zunächst bildete man eine Koalitionsregierung, die Regierung der Vaterländischen Front. Sie setzte sich zusammen aus der Kommunistischen Partei, dem politischen Kreis Zweno. der in seiner Mehrheit aus autoritär gesinnten Offizieren bestand, sowie den linken Flügeln der Agrar- und sozialdemokratischen Parteien. Diese wurden nach und nach von der Kommunistischen Partei gleichgeschaltet. Alle Parteien, die nicht der Vaterländischen Front angehörten, wurden für ungesetzmäßig erklärt. Begründer der Vaterländischen Front, ist der seit dem Reichstagsprozeß berühmte. Georgi Dimitroff. Obwohl er noch keinen offiziellen Posten im Staatsapparat bekleidet, wird er an erster Stelle in der bulgarischen Rangliste geführt. Nachdem die Regierung die Schuldigen für die Zusammenarbeit mit Deutschland abgeurteilt hatte, bemühte sie sich eine Zeitlang erfolglos um die Anerkennung durch die westlichen Alliierten. Da die Vorbedingung für eine Anerkennung, nämlich die Schaffung eines wirklich demokratischen Regimes, nicht erfüllt wurde, ist der bulgarischen Regierung bis heute die Anerkennung durch die Westmächte versagt geblieben

In den letzten Monaten zielen die Bemühungen der Machthaber Bulgariens darauf, die jetzige sowjetfreundliche Regierung im Lande zu stabilisieren, und zwar möglichst vor Abschluß der Pariser Friedenskonferenz und der Abziehung der Roten Armee aus Bulgarien. In Sofia ist man sogar schon dabei, die Vaterländische Front zu säubern. Bei dieser Aktion wurden bereits über zweitausend Offiziere und mehrere tausend Beamte entlassen. In den Rahmen dieser Stabilisierungspolitik gehört auch die Abschaffung der Monarchie.

König Boris starb im Jahre 1943 in Sofia, kurz... nach einem Besuch bei Hitler. Für die Fehler des Vaters, der zehn Jahre totalitär regiert hatte, muß sein Sohn, der neunjährige König Simon, büßen, der seit zwei Jahren in einem Kloster untergebracht und seit Sonntag auch formell seiner Krone verlustig gegangen ist. Wenn sich erst die Gemüter wieder beruhigt haben, wird das bulgarische Volk König Boris weniger seine Politik während des Krieges verübeln, denn er hatte es immerhin vermieden, auch nur einen einzigen Soldaten für den Hitlerkrieg zu opfern; vielmehr wird man es ihm nicht verzeihen, daß er nicht die Kraft aufbringen konnte, nach dem Jahre 1934 wieder ein demokratisches Regime einzuführen. Er beseitigte zwar die autoritäre Regierung „Zweno“, die durch einen Offiziersputsch an die Macht gekommen war. erhob sich dafür aber selbst zum Diktator Das bulgarische Volk muß heute unter den Mängeln eines solchen Regimes und dessen Folgen leiden. A. B.