Es hat in Köln vor dem Kriege rund 250 000 Wohnungen gegeben, in denen 770 000 Menschen wohnten. Es gab Ämter und Behörden, Kaufhäuser und Kaffees. Kirchen, Theater und Hotels. Und manchmal machten sich die Kölner fein und fuhren nach Düsseldorf, wo es eine Art Kurfürstendamm gab, nämlich die „Kö“, die Königsallee. Wie elegant gekleidet waren da die Leute, und wie sie mit zierlich spitzen Fingern die duftende Kaffeetasse zu halfen wußten! Und jedesmal waren die Kölner froh, wenn sie aus Düsseldorf dann, wieder nach Hause kamen In Köln faßte man derber zu, da war man herzhaft, aber weniger elegant, auch lachte man öfter und lauter. In Düsseldorf war alles neu, in Köln war alles alt: die Kirchen und das Lachen, die Männerchore und der Karneval. Der Dom stand ruhig da. schaute auf das Treiben hernieder, und wenn er – nach der Ansicht der jüngeren, kunstfreudigen Generation – etwas übelnahm, dann dies, daß man ihn freigelegt hatte, damals, als die „Kölner-Dom-Schwärmere eine alldeutsche Sache war“. Und was sagte gestern in Düsseldorf einer der dortigen fortschrittlichen Maler? ,,So hat nun also in Köln eine Domfreilegung allergrößten Stiles stattgefunden. Da sieht der Dom, so ohne Häuser ringsherum, ganz erstaunlich nackicht aus.“ Aber der Maler sagte dies nicht boshaft oder sarkastisch. Überhaupt, in Düsseldorf hat gestern kein Mensch anders als im Tone sanften Mitleids von Köln gesprochen Und eben dies hat mich schon ängstlich werden lassen. Denn so liebenswürdig beide Städte waren, hat es doch ehedem eine alte Rivalität gegeben, die offenbar jetzt zum erstenmal ihr Gleichgewichtsmaß verloren hat. Die Düsseldorfer sind mitleidig, die Keiner voller Zorn oder einfach traurig. Düsseldorf wurde Hauptstadt, und Köln liegt flach Keine Amter und Behörden mehr, keine Kaufhäuser und nur noch fünf Kaffees, keine Kirchen mehr, sondern nur noch Betsäle. in denen die ruhmvollen Organisten an einem lächerlich kleinen Harmonium oder am Klavier sitzen, Theater, die in der Universitätsaula oder sonstwo spielen, und nur noch drei Hotels, notdürftig hergerichtet, mit 73 Betten, nur noch sieben größere Speiserestaurants.

Was wäre da noch zu erreichen im Wettbewerb mit Düsseldorf! Daß Düsseldorf, die neue Hauptstadt, so bevorzugt wurde und vielleicht sogar bevorzugt werden mußte, das brennt den Kölnern auf der Seele. Jedoch, in diesem letzten Stadium der alten Konkurrenz, in dieser letzten Runde, da ward nicht mehr erwogen, was die eine Stadt gegenüber der andern an Vorzügen ins Treffen führen könnte, ehrwürdiges Alter oder junge Modernität, da ward nicht mehr bedacht, ob Köln begnadeter auf dem Gebiet der Musik oder Düsseldorf auf dem der bildenden Künste sei – oder was dergleichen echte oder vermeintliche Charakterunterschiede mehr gewesen sein mögen. Nein, hier entschied nur noch jene primitive, keineswegs auf geistige Imponderabilien sich stützende Berechnung, die für die deutschen Städte gegenwärtig allein ausschlaggebend zu sein scheint: die Rechnung der Zerstörungsquote.

Und diese Rechnung geht sehr ungleich auf: Düsseldorf hat 50 Prozent des Wohnraums verloren. Köln, die meistzerstörte deutsche Großstadt, hingegen mindestens 80 Prozent. Düsseldorf hat – beklagenswert genug – die Hälfte von dem verloren. was es besaß; Köln hingegen ist, was sein materielles Dasein betrifft, eigentlich kaum noch vorhanden. Düsseldorf ist eine aufgeräumte Stadt, und dies – als neue Hauptstadt – nicht nur im wörtlichen Sinne. Köln ist so schwer getroffen, daß alle aufgewandte Arbeit die Bilder der Zerstörung nicht wesentlich hat ändern oder beschönigen, geschweige denn verschönern können. Von den 250 000 Wohnungen, die es vor dem Kriege gab, sind nur 50 000 übriggeblieben, unter denen noch die meisten mehr oder, minder beschädigt waren. Und doch hat heute Köln wieder mehr als 500 000 Einwohner. Mit andern Worten: Köln ist zerbrochen. aber die Kölner sind sich gleichgeblieben in ihrer Liebe zur Vaterstadt.

Chaos und Aufbau

Der nächtliche Gastgeber in dem Zimmer inmitten jenes keilförmigen Ruinenturmes am Opernhaus hat dargelegt, was von diesen Kölnern beachtenswert ist. Während eine neue Statistik von 75 000 Wohnungen spricht, die inzwischen zu den 50 000 vorhandenen hinzukamen, so daß Köln heute wieder über 125 000 Wohnungen verfügt, erzählte dieser Kölner, wie er mit etwa 40 000 andern Kölnern während der Tage der großen Kampfe im linksrheinischen Köln verblieb. Dies alles ist ihm heute wie ein wüster, wirrer Traum. Und er erzählte von dem, was man Aufbau nennen muß, obwohl der ethische Wert dieses Begriffes hier vielleicht nicht immer gerechtfertigt erscheinen mag. lag für Tag seien Hunderte zurückgekommen; schließlich zweitausend heimkehrende Kölner. Tag für Tag. Sie kamen aus dem Krieg und der Gefangenschaft, aus den Evakuierungsgebieten and aus den Orten nahe bei Köln, wohin sie sich in den dramatischen Tagen der Kämpfe zurückgezogen. Die meisten kamen mit leeren Händen. Zunächst gingen sie hilflos umher oder standen in Gruppen beieinander und disputierten mit Leidenschaft. Bald wurden sie kleinlaut. Und wenn der liebe Gott auf sein heiliges Köln herniedersah – so meiste der Gastherr, während er, auf seiner Matratze liegend, ins Dunkel hineinplauderte –, dann habe er vielleicht nicht viel Freude an seinen Kölnern gehabt. Es müsse für den lieben Gott ein Anblick gewesen sein ähnlich dem eines Ameisenhaufens, be richtet aus menschlicher Sicht, der von Pferdehufen zertrampelt worden: man sieht die Ameisen durcheinanderrennen, durcheinanderkrabbeln auf Urebenen und liliputkleinen Abhängen, und jede trigt ein Stücklein Holz, das im Vergleich zur Giöße der Trägerin einem riesigen Balken entspricht.

So haben die Kölner das zusammengetragen, was sie brauchten: Pappe, Bretter, Türfassungen und Fensterrahmen, ja sogar schwere Möbelstücke, und nicht alle haben gefragt, woher die Sachen stammten. Ja, viele haben auf dem schwarzen Markt die nötigen Baustoffe gekauft. Und das – so segte der Gewährsmann – sei noch eine relativ moalische Form der Anschaffung gewesen. So sei alles vorwärtsgegangen. sozusagen in emsiger Heimlichkeit, und oft habe der Kölner zur Rechten nicht gewußt, was der zur Linken tat. „Kaum hatte man einen Trick gefunden, eine Lichtleitung ins Notquartier gelegt zu kriegen, da knipste – päng! – auch der Nachbar eine elektrische Birne an.“ Kurzum, es hat nicht lange gedauert, da war der riesige Trümmerhaufen namens Köln durchsetzt und besät mit Lichtpünktchen. Auch die Straßenbahn ist ziemlich rasch in Gang gekommen, sogar die Müllabfuhr, nur an der Gaszuleitung hapert es und wird es wohl noch lange hapern. „Bei uns ist alles provisorisch“, sagte der Kölner, „aber ich weiß“ Kellerloch: da gibt’s hin und wieder noch’n gutes Tröpfchen Wein.“ Sprach’s und traf Anstalten, den Schlaf des Gerechten zu schlafen.

Am andern Morgen lag spätsommerliches Sonnenlicht über der Stadt. Diese Helle war erbarmungslos. Zuviel der neuen Bilder! – Wer kannte einst die Hohe Straße nicht! Sie ist eine der berühmten Straßen der Welt gewesen, wenn auch so eng, daß Autos dort nicht fahren konnten. Sie besaß glanzvolle Auslagen, und die Wände waren so hoch, daß vom Himmel nur ein kleiner Ausschnitt übrigblieb, und dadurch hatte diese einmalige, geliebte Straße etwas von einer Halle. Ein seltsam hallender Ton schwang auch immer in der Hohen Straße, ein Ton zwischen Gemurmel und Geplauder, zwischen Geräusch und Musik: der Herzton Kölns. Straßen wie diese sind wohl nicht eigentlich gebaut worden, sie sind gewachsen. Windgeschützt und eng wie die Hohe Straße war, trug sie durch die Jahrhunderte ein Stück jenes städtebaulichen Geheimnisses, nach dem Köln errichtet worden war. Denn Köln war eine Stadt, darin zu wohnen. Köln besaß nämlich zu seiner Größe und Würde den deutlichen Charakter einer anheimelnden Beschaulichkeit. So war die Hohe Straße nicht umsonst eine Art Interieur. Heute aber fällt das Tageslicht in ein schmutziges, kümmerliches Steinbett. Grausam. Aber die Hohe Straße ist nicht mehr.