Der Industrieplan für Deutschland hatte die nahezu volle Beschäftigung der Textilindustrie vorgesehen, d. h., es war ein Leistungsumfang angestrebt, der auf der Verarbeitungsseite eben Bedarf von 10 kg je Kopf der Bevölkerung (einschließlich 2 kg für Export) zubilligte und auf der Erzeugungsseite die Produktion von sogenannten chemischen Fasern, also Zellwolle und Kunstseide, in Höhe von 186 000 t jährlich gestattete. Bei einer Bevölkerungsziffer von rund 70 Millionen wären jährlich 700 000 t Spinnstoff, davon 186 000 t Kunstfasern, zu verarbeiten; die Differenz von 514 000 t wäre in Baumwolle, Wolle usw., kurz gesagt in natürlichen Fasern, bereitzustellen, d. h., im wesentlichen einzuführen. Unter Zugrundelegung einer Gesamteinfuhr von 3 Milliarden RM, wie sie der Industrieplan vorsah, wovon 1,5 Milliarden RM für Lebensmittel, würden 1,5 Milliarden RM für die industrielle Einfuhr verfügbar sein. Der Devisenbedarf für die notwendigen Einfuhren von rund 514 000 t Spinnstoff beläuft sich, wenn Preise und Währungsrelationen des Jahres 1938 zugrundegelegt werden, bei vorsichtigster Schätzung auf 1,2 Milliarden RM. Ist es anzunehmen, daß der Rest von 300 Mill. RM für den Bedarf der übrigen Industrien, ausreichen soll?

Wie sieht es nun in der verarbeitenden Industrie aus, also der Spinnerei, Weberei, Wirkerei, Ausrüstung und Konfektionsindustrie? Erhebungen in den drei westlichen Zonen sind uns noch nicht lückenlos zugänglich. Es kann aber erwartet werden, daß eingetretene Kriegsschäden durch die Möglichkeiten der Mehrschichtenarbeit ausgeglichen werden – ein Faktum, das der Textilindustrie eine besondere Anpassungsfähigkeit an die jeweiligen Produktionsanforderungen, vor vielen anderen Industriezweigen, ermöglicht.

Trotzdem muß mit einem erheblichen Ersatzbedarf an Maschinen gerechnet werdet. Hierfür sind folgende Gründe maßgebend:

1. Kriegsverluste, für die eine Ersatzleistung zu erhoffen ist, da ja auch die total ausgebombten Betriebe (und ihre Belegschaften eine Arbeitsmöglichkeit anstreben;

2. laufende Überholung des Maschinenparks, der in den letzten Jahrzehnten überbeansprucht wurde;

3. Ersatzbedarf der Betriebe, die in den Gründerjahren (für die Textilindustrie um die Jahrhundertwende) entstanden sind und nun eine Überholung dringend brauchen.

Aus der russischen Zone fehlen Unterlagen so gut wie völlig. Mit Bestürzung hörte man von einem verstärkten Abbau auch der ganz und gar nicht „rüstungsverdächtigen“ Textilindustrie. (Leider besagen neuerdings auch Nachrichten aus der französischen Zone, daß über 20 v. H. des vorhandenen Textilmaschinenparkes abtransportiert werden!)