Von Jan Molitor

Es war schon tiefe Dämmerung. Jedoch, wenn man eine Straße in der Jugend oft und oft gegangen ist, dann stellt sich auch in befremdender Dunkelheit das Gefühl. nicht ein, man sei hier fremd. Es gibt ein mechanisches, ein körperliches Erinnerungsvermögen. So wie ein Pianist sich nicht erst zu erinnern braucht, wie ein sonst vertrautes, lange nicht gespieltes Stück zu greifen sei – er „hat’s in den Fingern“ –, so ist es bei der Wiederkehr in eine heimatliche Stadt: Alles mag anders geworden sein, und dennoch kennt man sich aus, denn „man hat’s in den Füßen“. Also gehe ich den „Ring“ hinunter in der Dämmerung und spüre die Trümmer rechts und links mehr als ich sie sehe. Es ist eine Ahnung, ein beklemmendes Gefühl. Dann kommt die dunkle Steinmasse des Opernhauses. Und jetzt die Wendung in die erste Straße rechter Hand. Man tastet unwillkürlich zur Tasche, die Schlüssel hervorzukramen. Da taucht im Lichtkegel eines vorüberkriechenden Kraftwagens ein Steinhügel auf, von buntem Unkraut ärmlich bewachsen. Man sieht und begreift, was man längst aus Briefen wußte: es ist alles anders geworden, es ist alles vorüber...

Wo war die Haustür? Die Stufen davor? Unauffindbar. Ein Massengrab der Erinnerungen ist dieser Hügel aus Steinen und Geröll. Einst, wenn man oben aus den Küchenfenstern guckte, konnte man drüben in den Probesaal des Opernhauses hineinblicken. Gewichtige Männer und vollbusige Damen und dazwischen junge hübsche Mädchen, immer stolz, wenn sie einander einen neuen Hut, ein neues Fähnchen vorführen konnten. Das bewegte sich gravitätisch und putzig durcheinander wie die Figuren des „Hänneschen-Theaters“, und dann kam der Kapellmeister, und leise und sonderbar streng und überirdisch-feierlich drang der Chorgesang herüber in die Küche, wo „Himmel und Erde“ auf dem Kochherd brutzelte, eines der Kölner Nationalgerichte.

Tiefe Dämmerung. Ich gehe auf und ab, zu suchen, wo einmal die Haustür stand. Der Kopf hat’s vergessen, die Füße wußten’s noch. Doch davon werd’ ich nicht klüger. – Aus dem Trümmerhaufen ragt ein steiler schmaler steinerner Keil empor. Ein Mann schlendert vorüber, und im Gespräch erfährt man, daß er dort wohne. In dem Keil! Man steigt über Geröll – sagt der Mann –, findet eine Leiter, klettert hoch, und da ist dann ein Zimmer, einigermaßen schwebend zwischen Himmel und Erde. Und der Mann sagt, daß ich dort schlafen könnte, denn sein Vater hätte unglücklicherweise ins Krankenhaus gebracht werden müssen. „Wenn Se mit dem Vatter sing Matratz’ vorliebnehmen wolle, leven Heer...“

Also: Man sagt noch „lieber Herr“ in Köln. Die alte Gastfreundschaft, die Höflichkeit und die kölnische Grandezza – alles das ist noch vorhanden. Noch ist die Luft weich wie der singende Dialekt. Immerhin, ich habe Köln seit Jahren nicht gesehen. Ich habe am Niederrhein und im Bergischen Land Menschen gesprochen, die seit der Zerstörung der Stadt nicht wieder in Köln waren und ihr Lebtag keinen Besuch dort mehr machen wollen, dann die rohe Wirklichkeit ihnen die goldenen Erinnerungen nicht zerschlüge. Und es sei eingestanden: Beim Einschlafen habe ich Angst vorm Erwachen, ich habe in der Dunkelheit Furcht vor dem Licht des Tages und doch eine unbändige Sehnsucht, den „Tünnes“ und den „Schäl“, die „Rheinkadetten“ und all die vertrauten Typen, die unbedingt noch in diesen Stadtmauern sein müssen, falls es sein sollte, daß vom alten heiligen Köln noch irgend etwas steht...