Aus der internationalen Reaktion auf die Byrnes-Rede läßt sich, in den Umrissen wenigstens, ein erstes Bild ihrer voraussichtlichen politischen Folgen entwerfen. In Deutschland haben sowohl die Presse wie die führenden Persönlichkeiten die politische Erkenntnis der europäischen Gegebenheiten und das menschliche Verständnis für die „Alte Welt“, das in ihr zum Ausdruck kommt, hervorgehoben. Nur gegen die politische Eingliederung – des Saargebietes in den französischen Staat sind durchweg Gegenvorstellungen laut geworden. Allgemein wurde anerkannt, daß die Rede hinsichtlich Deutschlands die wichtigste Erklärung der Alliierten seit dem Potsdamer Abkommen gewesen ist.

Diese Auffassung wird in England geteilt, wo die Rede nicht nur als eine einseitige Geste der amerikanischen Außenpolitik, sondern schlechthin als ein Beitrag zu der Entwicklung der alliierten Politik gegenüber Deutschland gewertet wird. Ihre wesentliche Bedeutung liegt nach englischer Meinung in der kühnen Logik, mit der die zukünftige Entwicklung der deutschen Regierungsform und der alliierten Kontrolle über Deutschland formuliert ist, sowie in den Hoffnungen, die für Deutschlands wirtschaftlichen und politischen Wiederaufbau und für seine zukünftige gleichberechtigte Zusammenarbeit mit den andern Nationen erweckt werden. Die englische Politik sieht in der Schaffung einer deutschen Zentralregierung und in der Festsetzung der Friedensbedingungen die beiden Kardinalpunkte der Byrnesschen Erklärung. Beide gehören zusammen, denn ohne eine deutsche Zentralregierung könne weder ein Friedensvertrag abgeschlossen noch durchgeführt werden. Doch sei hierbei. Eile geboten, denn je länger es daure, bis die verschiedenen Wünsche der vier Großmächte in Einklang gebracht werden, je schwieriger werde es, sie auf einen Nenner zu bringen. Das gelte insbesondere für die zukünftige Grenze zwischen Deutschland und Polen, denn ohne klare Grenzziehung sei eben ein Friedensvertrag nicht möglich.

Nach Auffassung der „Times“ sollten kluge und vorausschauende Polen sich überlegen, ob es nicht im wahren Interesse ihres Landes liegen würde, einen Teil des zur Zeit von ihnen kontrollierten deutschen Gebietes zurückzugeben, denn es sei zweifelhaft, ob Polen überhaupt in der Lage sei, den Reichtum und die Produktionsmöglichkeit des großen landwirtschaftlichen Areals, das es von Deutschland übernommen habe, aufrechtzuerhalten. Die bisher vorliegende Erklärung des stellvertretenden Ministerpräsidenten Mikolajzcyk und die Auslassungen der polnischen Presse lassen ein solches Verständnis vermissen. Wie englische Stimmen betonen, sollten die Byrnesschen Vorschläge von Rußland im wesentlichen begrüßt werden, denn schließlich habe die Sowjetregierung durch Molotow am 10. Juli als erste eine deutsche Zentralregierung vorgeschlagen und sich gegen eine Abtrennung des Ruhrgebietes und des Rheinlandes ausgesprochen.

Hier aber setzt der Widerstand Frankreichs ein, in dessen Presse im Gegensatz zu der Byrnesschen Auffassung die Ruhr- und Rheinfrage nicht unter dem wirtschaftlichen Aspekt für den Wiederaufbau Deutschlands und Europas, sondern lediglich unter dem Gesichtspunkt der französischen „securite“ behandelt wird. Wenn auch der Entschluß der amerikanischen Politik, sich an Europa nicht zu desinteressieren, begrüßt wird, so weisen amtliche französische Kreise darauf hin, daß dieses allein für Frankreichs Sicherheit nicht ausreichend sei.

Die Politik des Kreml war zunächst auf Schweigen eingestellt. Erst eine Meldung vom 16. September gibt Nachricht von einem Interview, das Molotow dem Vertreter der polnischen Presseagentur in Paris gab. Als Standpunkt Rußlands stellte er fest, daß die westliche Grenze Polens mit der heutigen Oder-Neiße-Linie bereits in Potsdam festgelegt und seit mehr als einem Jahre Wirklichkeit sei. Damit wird die Auffassung der amerikanischen Presse bestätigt, die vorausgesagt hatte, daß Byrnes noch große Zähigkeit und Energie aufwenden müsse, um einen Ausgleich zwischen seinem und dem russischen Standpunkt zur Deutschlandfrage in den Bereich des Möglichen zu rücken.

Der Zeitpunkt, den Byrnes für seine Erklärungen über die amerikanische Außenpolitik gewählt hat, wird allgemein beachtet als die Erkenntnis dafür, daß nur die Hoffnung auf eine Verständigung über Deutschland den Abschluß der jetzt in Paris behandelten Friedensverträge ermöglichen werde. Deutschland ist und bleibt das europäische Kernproblem. Eine Sondertagung des Rates der Außenminister zur Behandlung der Deutschlandfrage ist für den November vorgesehen. So bleibt abzuwarten, ob der Byrnessche „Silberstreifen“ den Horizont noch weiterhin erhellen wird.