Von Karl N. Nicolaus

Wenn man heute irgendwo Leute trifft, so taucht sehr oft ein bezeichnender Gegenstand in der Unterhaltung auf: „Wenn man doch raus könnte!“ Raus – das heißt weg von Europa, weg von allem, weg von der Vergangenheit...

Fragt man die Leute, wohin sie denn möchten, wenn sie könnten, so zucken sie dann wohl die Achseln; sie wissen es nicht genau. Neulich traf ich allerdings einen Mann, der konnte genaue Antwort geben. Er sagte, er habe keine Hoffnung mehr, er habe nun auch in Gedanken und Träumen den letzten Ort begraben, den zu erreichen gelohnt hätte. Er habe nämlich in der Zeitung gelesen, daß auch auf Südseeinseln die „Arbeitsdienstpflicht“ eingeführt worden sei. Er sagte dies mit betrübter Stimme und jener gewissen Andacht, mit der man gemeinhin bewährte Träume zu Grabe trägt. Und er schloß: „Kennen Sie Mörikes Gedicht: ‚Du bist Orplid, mein Land, das ferne leuchtet...‘? Sehen Sie, mir leuchtet mein Land Orplid nicht mehr!“ Das war das Ende eines Ausweichgedankens.

Man muß annehmen, daß der Mensch in der Urzeit ein sehr schnelles Wesen war. Denn nur, wenn er schnell war, hatte Flucht einen Sinn. Nur so konnte als Fluchtbereitschaft ein stets wirksamer Bestandteil seines Instinkts bleiben. Vielleicht ist auch noch so etwas wie eine ererbte Parole der Seefahrer wirksam: Laßt uns weiterfahren; irgendein Wind wird schon wehen, der unser Schiff weiterbringt an irgendein Gestade

Irgendein Schiff, irgendein Gestade... Das ist es! Der Zufall hat mir gerade das private Logbuch einer Reise in die Hand gedrückt, die jemand machte, zu dem ich gewisse verwandtschaftliche Beziehungen habe. Es ist ein Privatdruck: das Tagebuch einer Reise, die vor genau zwanzig Jahren stattfand. Die Weltreise begann in Neuyork. Es tauchen viele Namen auf, Namen, die heute – wie man so sagt – „ganz groß“ sind. Und da werden Verwandte erwähnt, die einen eigenen riesigen See in Kanada haben, der mit dem Namen der Familie in den Karten verzeichnet ist. Und von Farmern in den Südstaaten ist die Rede, die auch wieder Verwandte sind, und alles ist genau verzeichnet.

Und da funkt mir nun, als ich harmlos in dem Büchlein blättere, in meinem Gehirn die „Fluchtapparatur“ hinein in meine harmlosen kontemplativen Gedanken. Die Bestie erwacht, die Fluchtbestie. Mein Gott, wenn die Leute solch ein riesiges Territorium in Kanada haben mit einem großen See darin – vielleicht ist da etwas zu machen als Tankwärter oder als Waldhüter oder als einer, der ein bißchen Ordnung hält auf dem See.

Und ich lese mit größerem Interesse weiter in dem Buch. Beziehungen über Beziehungen werden genannt; und das sind zum größtenteil Sachen, die „goldrichtig“ sind. Aber ich lese schließlich nicht nur Namen und Adressen, ich lese auch das andere. Und da geschieht es nun, daß die Bestie, kaum, daß sie erwacht war, die Fluchtbestie, gebändigt wird.