Am 15. Juli 1945 zog die französische Besatzungstruppe in die Landkreise des Westerwaldes und der unteren Lahn ein und rundete mit diesem rechtsrheinischen Brückenkopf, der in seiner Gestalt noch über die Besatzungsgrenzen nach Versailles hinausgeht, ihre nordfranzösische Besatzungszone ab. Als Regierungsbezirk Montabaur wurde das Gebiet dem Rheinland angegliedert, das mit dem Verwaltungssitz Bad Ems den Namen Rheinland/Hessen-Nassau erhielt. Weitere Verwaltungsgebilde der Zone sind Pfalz-Rheinhessen mit dem Sitz Neustadt a. d. Weinstraße und das Saargebiet. Ein französicher Gouverneur in jeder dieser Provinzen ist der Träger der Hoheitsgewalt, und deutsche Oberpräsidenten zeichnen verantwortlich für die Anweisungen des „Gouvernement Militaire“.

General Koenig, der Oberkommandierende der französischen Besatzungstruppen in Deutschland, hält nun die Zeit für gekommen, der deutschen Bevölkerung Gelegenheit zu geben, ihre Freiheiten und ihr Wirtschaftliches Leben selbst zu entwickeln. Der erste demokratische Schritt war die Wahl am 15. September, in der die rheinische Bevölkerung ihre Gemeindevertreter zu bestimmen hatte.

Die Anlehnung an die französische Verfassung Ist bemerkenswert. Anders als in der alten deutschen Gemeindeordnung hat der Gemeinderat nunmehr bestimmende und nicht nur beratende Funktion. Die Abgeordneten wählen aus ihrer Mitte den Bürgermeister. Wie der französische Maire wird er eine politische Rolle spielen. Die eigentlichen Verwaltungsgeschäfte leistet ein vom Gemeinderat angestellter Beamter. Das Recht, sich als Gemeindevertreter aufstellen und wählen zu lassen, haben auch Beamte, aber sie müssen nach ihrer Wahl entkleiden, ob sie weiterhin Beamte sein oder die politischen Aufgaben eines Gemeindevertreters erfüllen wollen; eine nicht immer leichte Wahl Ludwigshafen und Mainz sind die einzigen Großstädte der Zone. Entsprechend des ländlichen Aufbaus der Pfalz und des Rheinlandes fiel die Entscheidung in den Wahlen auf den Dorfen und in den Landstädten. Aus dem Wahlkampf ging als stärkste Partei die CDP (Christlich-Demokratische Partei) hervor, die sich in der Hauptsache auf die streng kirchlichen Rheinhessen und Moselländer stützt. Da die Freien Demokraten so gut wie unbekannt sind, lag bei der CDP die Verantwortung für die „bürgerlichen“ Kreise. Der Einfluß der SPD ist schwächer. Wenn auch an Zahl gering, sind die Kommunisten sehr aktiv. Sie führen Klage, daß sie nicht ihre Propagandamittel voll entfalten konnten. Dieser Vorwurf ist jedoch nicht gerechtfertigt. Es standen ihnen die gleichen Möglichkeiten wie den andern Parteien zur Verfügung, um die Wählermassen zu gewinnen.

Die allen Parteien erlaubten Mittel waren aber von der französischen Militärregierung sehr beschränkt. Die große Wählermasse durfte erst seit dem 31. August angesprochen werden. Die in Koblenz erscheinende „Rhein-Zeitung“ brachte eine Notiz: „Die Militärregierung macht durch Bezugsverfügung darauf aufmerksam, daß es ausdrücklich verboten ist, Besprechungen, Programme oder alle andern politischen Beschließungen in Versammlungen während der Wahlvorbereitungsperiode durch Lautsprecher oder Verstärker zu verbreiten. Es wird um sorgfältigste Beachtung gebeten.“ Es ist eher auf ein Unbehagen gegenüber Propaganda als auf Papiermangel zurückzuführen, daß Druck und Verteilung von Flugschriften während der Wahlvorbereitungen verboten war. In Koblenz, dem Sitz einer Provinzialregierung, sah man in Stadtinnern 18 Wahlplakate: Anschläge durften nur auf vorbereiteten Tafeln an den von den Bürgermeistern bestimmten Stellen angeschlagen werden. Wöchentlich zweimal konnten die einzelnen Parteien über den Südwestfunk ihre Programme verkünden. Die Organisationen besitzen keine eigenen Sprachorgane und waren daher auf Wahlaufrufe in der lizenzierten Presse angewiesen. Als Beilage zu den Zeitungen, die überparteilich sind, erschien ein Blatt, in dem die Parteien nebeneinander ihre Ziele verkündeten.

So betrachtet die Presse der französischen Zone, die Wahlen des 15. September mehr als ersten demokratischen Schritt, denn als endgültige Entscheidung über die weltanschauliche Zusammensetzung der Bevölkerung. Größere Bedeutung wird dagegen den am 13. Oktober stattfindenden Wahlen beigemessen. An diesem Tag werden die Volksvertreter für das Parlament des neugegründeten Landes Rheinland-Pfalz zu wählen sein.

„In der Absicht, die rheinische Bevölkerung soweit wie möglich mit der Verwaltung innerhalb genügend großer Gebietsteile zu betrauen und ihr Gelegenheit zu geben, ihre Freiheiten und ihr wirtschaftliches Leben harmonisch zu entwickeln, habe ich die Schaffung eines Landes beschlossen, dessen Hauptstadt Mainz sein und das die gegenwärtig zu den Oberpräsidien Hessen-Pfalz und Rheinland-Hessen-Nassau gehörenden Regierungsbezirke umfassen wird.“ Diese Erklärung gab General Koenig, der Oberkommandierende der französischen Besatzungszone, am 30. August in Baden-Baden ab. In diesem Land ist also die gesamte nordfranzösische Besatzungszone zusammengefaßt mit Ausnahme des vergrößerten Saargebietes. Das Land an der Saar, das in seiner Gestalt von 1919 schon über die Größe des eigentlichen Industriegebietes hinausging und nach einer Verfügung der französischen Militärregierung noch um weitere 1000 Quadratkilometer mit rein landwirtschaftlicher Struktur vergrößert wurde, scheidet aus und wird ein politisch wie verwaltungsmäßig selbständiges Gebilde. Die französische Politik der selbständigen Behandlung der Saarfrage wird damit erneut bestätigt.

Das siebente Land im Rahmen eines bundesstaatlichen Aufbau! Deutschlands umfaßt die Regierungsbezirke Trier, Koblenz, Montabaur, Mainz und die Pfalz. Wie Pariser Kommentare besagen, will Frankreich nicht hinter dem Vorbild der beiden übrigen westlichen Besatzungsmächte zurückstehen. Es sei jedoch unangebracht, den französischen Schritt als einseitige Westorientierung der Pariser Politik auszulegen. Frankreich handle im Rahmen alliierter Beschlüsse und verfolge die Absicht, von rein militärisch fundierten Zonengrenzen endlich zu einer natürlichen staatlichen Aufgliederung und föderativen Gestaltung Deutschlands zu kommen. Am 6. September erfolgte die offizielle französische Stellungnahme. Der Generalkommissar für deutsche und österreichische Angelegenheiten und Unterstaatssekretär im Quai d’Orsay, Pierre Schneiter, erklärte in einem Presseinterview: „Wir sind gegen den Westblock, und Frankreich wird in Deutschland keine Fusion annehmen, falls Rußland nicht auch daran teilnimmt.“