Zu dem in unserem Aufsatz „Noch autoritärer?“ (in Nr. 29 der „Zeit“) angeschnittenen Thema werden uns von einem der führenden Männer des Ernährungs-Großhandels, Herrn W. Hochgrasd (in Firma Alfred C. Toepfer. Hamburg) die folgende Ausführungen zur Verfügung gestellt, die wir um so lieber veröffentlichen, als sie ganz aufs Grundsätzliche der sehr wichtigen und bisher kaum behandelten Frage der Selbstverwaltung auf wirtschaftspolitischem Gebiet zugeschnitten sind.

Es steht die Frage zur Diskussion, wie der Aufbau der künftigen Ernährungsverwaltung aussehen soll. Es gibt da im wesentlichen zwei Möglichkeiten der Verwaltungsorganisation: einmal die rein behördliche, d. h. eine lediglich in der Spitze durch das Parlament (wenn es einmal ein solches geben wird) kontrollierte Behörde, die kraft ihres Auftrages bis bishinunter ins Dorf in streng gestufter Hierarchie regiert und ihren Willen – besonders dem ablieferungsunlustigen Erzeuger gegenüber – notfalls mit Polizeimitteln durchsetzt. Dann gibt es die Möglichkeit der echten Selbstverwaltung. Wir sagen ausdrücklich „echt“, weil die Ernährungswirtschaft ja im „Dritten Reich“ der Form nach auch eine Selbstverwaltung hatte, die allerdings aus zweierlei Gründen in Wirklichkeit keine war: einmal, weil sie einseitig unter bäuerlicher Führung stand und sich sogar „bäuerliche Selbstverwaltung“ nannte, zum anderen, weil sie nach dem autoritären Führungsprinzip aufgebaut war. also von der dem Begriff der Selbstverwaltung innewohnenden Idee der Verwaltung durch Vertrauensleute der Verwalteten nichts in sich barg. In der Praxis war sie vielmehr ein behördliches Verwaltungssystem der beamteten Geschäftsführer. Der so auch im Reichsnährstand in Reinkultur ausgeprägten Idee: „Autorität nach unten, Verantwortung nach oben“, setzen wir die Parole einer echten Selbstverwaltung entgegen; Verantwortung nach unten, also gegenüber den Verwalteten, von denen das Mandat stammt, und Autorität nach oben, gestützt auf das Vertrauen und als Vertreter der Verwalteten Zu diesen gehört aber jeder, der an der Ernährungswirtschaft beteiligt ist, beim Erzeuger angefangen über den Verteiler, den Be- und Verarbeitet bis zum Letztverbraucher,

Als bereits vor fast dreiviertel Jahren die Frage gestellt wurde – damals im engeren Rahmen der Landesbauernschaft Hamburg und Schleswig-Holstein ob wir die rein behördliche Regelung oder die Selbstverwaltung vorziehen, haben wir klipp und klar die Antwort gegeben: die Selbstverwaltung: aber nur unter der Bedingung, daß es sich um eine wirkliche Selbstverwaltung handelt. Wir haben damals schon ganz konkrete Vorschläge ausgearbeiten die im Juni 1946 durch eine Anordnung des Regional Food Office Wirklichkeit geworden, die jetzt aber durch die neue Anordnung über die Errichtung der Haupt- und Wirtschaftsweisen wieder in Frage gestellt sind. Wir waren auch diejenigen, die den Vorschlag machten, die Verbraucher, vertreten durch Delegierte der Gewerkschaften, in die Organe der Selbstverwaltungskörperschaften der Marktordnung hereinzunehmen. Die gleichen Gedanken, die hierbei unter unserer maßgeblichen Initiative verwirklicht wurden, kamen beim Aufbau einer neuen Verfassung der Landesbauernschaft Schleswig-Holstein zum Ausdruck, und es wird nach dem Gesagten nicht wundernehmen zu hören, daß diese Verfassung im schleswig-holsteinischen Landtag einstimmig von der KPD über die SPD bis zur CDU angenommen wurde.

Diesem Durchbruch des in der Selbstverwaltung zum Ausdruck kommenden demokratischen Gedankens von der Provinzebene aus scheint nun das inzwischen praktisch tätig werdende Zentralamt für Ernährung und Landwirtschaft die behördliche Lösung gegenüberzustellen, zwar nicht ganz „reinrassig“ und sogar unter der Bezeichnung „Selbstverwaltung“ – aber nach dem Wortlaut der Anordnung 109 wiederum eine Hierarchie der von oben nach unten eingesetzten und nur nach oben hin verantwortlichen beamteten Geschäftsführer begründend. Hiergegen erhob sich bei allen, denen es um eine wirkliche demokratische Neugestaltung auf dem Ernährungsgebiet ernst war, ein Sturm der Entrüstung. So nimmt es nicht wunder, daß der schleswig-holsteinische Landtag in einer wiederum einstimmig angenommenen Entschließung von „Diktatur“, „überspitzter Form“ und „Scheindemokratie“ spricht. Es bleibt nunmehr abzuwarten, ob das Zentralamt in den Durchführungsbestimmungen zur Anordnung 109 den ihm durchaus offenstehenden und durch die seitens der Wirtschaft gemachten Gegenvorschläge gewiesenen Weg, doch noch zu einer echten Selbstverwaltung zu kommen, gehen wird.

Welches sind nun die Vorzüge der Selbstverwaltung gegenüber einer rein behördlichen Organisation und warum treten wir für die Selbstverwaltung ein? Schon der Vorgang der Entstehung der Anordnung 109 zeigt es beispielhaft: Hätte sich das Zentralamt, bevor es seine Vorschläge der Militärregierung einreichte, mit den an der Ernährungswirtschaft beteiligten Wirtschafts- und Verwaltungskreisen zusammengesetzt, so wäre dieser Sturm nicht entstanden. Denn das ist ja gerade der Vorzug der Selbstverwaltung gegenüber der behördlichen Regelung, daß die Betroffenen mitbauen und mitbeschließen, und zwar bereits im Stadium des Werdens einer Anordnung, die ja die Betroffenen durchführen oder „erleiden“ sollen. Damit übernehmen die Betroffenen aber auch die volle Mitverantwortung, und sie können sich der Durchführung der beschlossenen Maßnahmen nicht entziehen oder sie nachträglich kritisieren.So entsteht bei Übernahme der Selbstverwaltungsform eine aus der Erfahrung geborene und deshalb wirklichkeitsnahe Verwaltungspraxis, die gerade angesichts der Vielfältigkeit wirtschaftlicher Belange sachlich von so außerordentlichem Wert ist. Daß dabei nicht eine Interessenwirtschaft einer Gruppe einreißt, dafür sorgt einmal schon die Verschiedenartigkeit und z. T. Gegensätzlichkeit der „Interessen“ der Beteiligten, aber auch der Zwang zur Sachlichkeit, der einer solchen öffentlichen Tätigkeit innewohnt. So ist die Selbstverwaltung nicht nur die beste Anwendung, sondern auch die beste Schule der Demokratie. Und seien wir ehrlich: wir haben auf diesem Gebiet alle wieder etwas zu lernen.

Das zweite grundsätzliche Problem, das in diesem Zusammenhang zu behandeln wäre, ist das der Abgrenzung der Funktionen zwischen Staat und Wirtschaft. Wir glauben, zwischen vernünftigen Menschen besteht keinerlei Meinungsverschiedenheit darüber, daß der Staat in erster Linie gesetzgeberische, verwaltende, lenkende und überwachende Funktionen hat, daß es hingegen Aufgabe seiner Bürger ist, auszuführen, was der Staat anordnet, zu wirtschaften, zu arbeiten, zu leisten und last not least, Steuern zu zahlen. Diese Funktionen seiner Bürger sollte der Staat nur dann selbst übernehmen, wenn der Bürger diese Leistungen nicht vollbringen kann oder wenn ein übergeordnetes politisches Allgemeininteresse dagegen steht, wie etwa bei manchen öffentlichen Diensten und jetzt bei manchen Grundstoffindustrien (Ausschaltung militaristischer Einflüsse). Sind diese Voraussetzungen aber nicht gegeben, dann soll der Staat froh sein, sich nicht damit belasten zu müssen, denn dies ist nicht sein ureigenstes Gebiet. Im Falle der angeordneten Vorrats- und Einfuhrstellen scheint uns die Voraussetzung für eine staatliche Betätigung nicht gegeben zu sein, zumindest nicht auf einigen der in Aussicht genommenen Fachgebiete.

Aber auch da, wo man glaubt, nicht ohne sie auskommen zu können, sollte man sich überlegen, ob man nicht besser und billiger die durch die Reichsstellen des „Dritten Reiches“ aus ihren Funktionen verdrängte Wirtschaft wieder das Gehen lehrt, statt selbst zu wirtschaften. Wo aber die Wirtschaft die Funktionen erfüllt und gut erfüllt, bedeutet die Wiedererrichtung von Reichsstellen lediglich zusätzliche Kosten und verwaltungsmäßige Erschwernisse. Entweder bedienen sich die neuen Stellen der Wirtschaft, wie man uns versichert hat – dann sind sie nur ein zusätzliches Zwischenglied, das auch zusätzliche Kosten verursacht, oder aber: sie versuchen kraft der in derartigen Einrichtungen versuchen Dynamik, von der die Wirtschaft ein Lied zu singen weiß, diese auszuschalten. Dann werden wir in kurzer Zeit wieder Monstren von staatlichen Wirtschaftsapparaten haben wie nach 1933. „Widerstehe den Anfängen“ muß es hier heißen – nicht nur im Interesse der Wirtschaft, sondern besonders des Steuerzahlers. Nehmen wir das Beispiel des soviel zitierten und angegriffenen Getreideimports: Im Dritten Reich mußte alle Einfuhrware vom Importeur an die Reichsstelle verkauft werden, die die Ware dann lagerte, und zwar Zum Teil wieder bei eben diesem Importeur. Die Unkosten pro Tonne gehaltener Ware bei der Reichsstelle sind wohl niemals ausgerechnet worden. Seit der Kapitulation macht der Importhandel die ganze Arbeit allein zu den gleichen Spannen wie früher. Da die Militärregierung nur mit einer Stelle zu tun zu haben wünscht, führt der Importhandel die Abwicklung als Gemeinschaftsaufgabe durch, wobei die einzelnen Firmen zunächst nicht selbst, sondern durch ihren Zusammenschluß auftreten, höchstens Personal zur Verfügung stellen. Jetzt aber immer mehr in die praktische Arbeit eingeschaltet werden.“ Der ganze Apparat einer Reichsstelle wurde bei dieser Lösung gespart, und es! hat glänzend funktioniert. Die hierbei erforderliche Lenkung wurde und wird dem Staat von keiner Seite bestritten. Aber dafür sind ja die von der Wirtschaft im Prinzip (nicht in der Durchführung, siehe oben!) begrüßten Haupt- und Wirtschaftsstellen eingerichtet worden.

Wenn wir mit den vorstehenden Ausführungen als sogenannte „Interessenten“ Versuchen, die Diskussion auf die Ebene des Grundsätzlichen zu erheben, so deshalb, weil wir glauben, daß die Regelungen, die jetzt beim gesamten Neubau unseres Staates getroffen werden, kraft des derartigen Dingen innewohnenden Beharrungsvermögens von längerer Dauer sein werden. Und weiter deshalb, weil wir der Ansicht sind, daß der Sache durch polemische Führung der Diskussion doch nur ein schlechter Dienst getan werde.