Von Egon Vietla

Am Beginn der abendländischen Geschichte, steht der Wettstreit der Ritter vor Troja, jener ins Bewußtsein der gesamten gebildeten Welt eingedrungenen „Helden“, denen das mörderische Gemetzel zum Triumph geworden war. Doch der Barde, der die Tragödie vor Troja der Nachwelt übermittelt hat, war ein – Kriegsgegner. Und die geheime Spannung zwischen seinem so humanen, Entsetzen über den Krieg und dem hingerissenen Sterben dieser Ritter ist das eigentlich Große, was die Ilias weit über die Bhagavadgita, den Kampfgesang der Inder, hinaushebt. Denn das ist europäisch: Voltaire und Corneille zugleich, Pathos und Räsonnement, Erschütterung und Zweifel in die menschliche Berufung.

Nur noch einem Epiker ist es geglückt, diese unvergleichliche Spannung zu wiederholen: Leo Tolstoi in „Krieg und Frieden“. Wenn aber bei Homer. Mann für Mann in Großaufnahme gezeigt, jede einzelne ritterliche Geste vom Regisseur herausgeholt wird, wägt Tolstoi Masse gegen Masse: Das Individuum, das gegen die Masse aufsteht, Napoleon, wird von der Maschinerie der russischen Armee niedergewalzt. Tolstoi hat den Mechanismus der modernen Armee meisterhaft geschildert. Für ihn ist die Schlacht ein Musterbeispiel. daß der einzelne im Kampf nichts, die Selbstbewegung der Marionettenmasse, die da ineinanderflutet, alles ist. Ja, Tolstoi hat im Nachwort zu „Krieg und Frieden“ die Massenstrategie auf die Strategie der Weltgeschichte übertragen. Und wie für Homer kein Raum frei bleibt, der nicht von Göttern, vom Überirdischen erfüllt wäre, so für Tolstoi kein Winkel, kein Spielraum, der nicht vom „Räderwerk der geschichtlichen Kausalgesetze“ zermahlen würde. Was wir Freiheit nennen, ist ihm der weiße Fleck auf der Landkarte. Sobald er sich mit Farbe füllt, wird das verborgene Gesetz sichtbar, unter dem wir stehen.

Beide, Homer und Tolstoi, hassen den Krieg.

Erst die Nationalsozialisten haben Zynismus genug entwickelt, den Krieg in ein künstlerisches Als-Ob-Spiel zu verflachen. Der Wettstreit wird schamhaft als Einsatz maskiert. Ein gemütlichhausväterliches Verhältnis zur Truppe leitet ihren Krieg gewandt-kameradschaftlich ein, als sei der jüngste Krieg nur ein „Als-ob“. ein Gang auf dem Fechtboden, der in ein paar Wochen ausgestanden ist. Das Volk hat 1939 spontan begriffen – nach Verdun, Somme und Ludendorfoffensive 1918 –, daß dies „Als-ob“ schlecht verhehltes Grauen war. Später ist dies richtige instinktive Entsetzen beraubt worden: nach Paris. Aber es ist schleichend, ahnungsvoll, brütend und wühlend wiederauferstanden, als die sechste Armee in Stalingrad zugrunde ging. Stalingrad ist zum Verdun des zweiten Weltkrieges geworden.

Ich erinnere mich an eine kleine Monatsschrift, die im Kriege in unser britisches Lazarett gedrungen war. Sie kam aus Moskau. Da war nicht viel Belangvolles abgedruckt. Aber plötzlich belebten sich die Seiten, fing es an aus den Kellern zu kriechen, aus Löchern zu humpeln, krachten Schüsse, sammelten sich Fetzen von Menschen um den Theaterkeller, in dem der Traum von Stalingrad zu Ende geblutet wurde. Das war der Bericht Theodor Plieviers über Stalingrad. Jetzt liegt das Buch vor (Deutsche Ausgabe im „Aufbau“ -Verlag, Berlin). Es ist nicht mehr, sondern weniger als der Schlußbericht. Es greift zu weitläufig aus. Es verpflanzt die Tolstoische Methode allzu schulgerecht auf das zwanzigste Jahrhundert. Es hat nicht den Gegenspieler Napoleon, sondern bescheidet sich mit einem gigantischen Mosaik belangloser Einzelschicksale, die irgendwo in der Heimat beginnen und in Schnee. Granatfeuer und den Seuchen von Stalingrad enden. Ununterscheidbar. Eine einzige graue, tote Masse, die sich im Schnee erhebt und dort langsam, versickert – bis der Mensch ausgeblutet ist.

Hemingway hat in „Wem die Stunde schlägt“ das Meisterstück geliefert, wie man die moderne Offensive schildern, wie man den militärischen Apparat gleichsam filmen und doch den einzelnen herausmodellieren kann. Was für eine Meisterskizze ist allein sein Kommissar. Nichts dergleichen bei Plievier. Eins gleicht da dem andern. Und Tolstoi hat tiefer gedacht als Plievier: die Beresina resultierte für ihn aus einer Kreuzung bekannter und unbekannter Faktoren. Am Ende haben ihn die Faktoren mehr interessiert als die Beresina. Denn wer um diese Faktoren ihre geschichtliche Bedeutung weiß, der hat den Schlüssel zum menschlichen Dasein gefunden. Das war bis ins letzte folgerichtig konstruiert und es ist einzig die Frage, ob auch anders, gegen diesen Tolstoi gedacht werden kann: er selbst hat es im Roman getan.