Ein Jubiläum seltener Art begeht in diesen Tagen die Astronomie: Vor hundert Jahren, am 23. September 1846, wurde der Planet Neptun entdeckt. Wie ein Lauffeuer eilte die Nachricht um die Erde. Die Welt stand Kopf. Ein neuer Planet! Einer der größten überhaupt! Die Ausdehnung des Sonnensystems, bisher bei Uranus endend, war plötzlich um fast das doppelte in den Weltraum hinausgerückt!

Die Geschichte Neptuns ist die eigenartigste in der Naturwissenschaft. Nachdem der Hannoveraner Astronom Wilhelm Herschel 1781 Uranus entdeckt hatte, ergründete die Astronomie die physikalischen und bewegungstechnischen Elemente des neuen Objektes. Schon bald stellte sich in der Bahn des Uranus eine merkwürdige Unstimmigkeit heraus. Er hielt nicht den Lauf um die Sonne inne, den er der Berechnung nach hätte haben müssen. Irgend etwas war also nicht in Ordnung. Die Gelehrten stutzten. Bessel, der Leiter der Königsberger Sternwarte, sprach – man schrieb gerade 1823 – als erster den Verdacht aus, daß ein anderer, jenseits der Uranusbahn laufender Planet die Ursache dieser sonderbaren Störung sei.

In den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts griff man den Gedanken erneut auf. Die Störungen in der Uranusbahn wurden immer augenfälliger, geradezu ein Ärgernis für die Astronomen. Längst war man sich klar, daß ein fremder Himmelskörper unerkannt die Berechnungen des Uranus über den Haufen warf. Wo aber steckte dieser Koloß? Wieder, war alles Suchen vergeblich, und man sah ein, daß jedes weitere Forschen umsonst sein mußte, wenn man nicht wenigstens den ungefähren Ort des geheimnisvollen Planeten angeben konnte. Da holten die Astronomen zu einem kühnen Schlage aus. Wenn man die normalen Elemente des Uranus hatte, mußte sich da nicht aus den beobachteten Störungen, aus Bahnen, Geschwindigkeiten und Anziehungskräften zwischen Sonne und Planeten der Ort des unsichtbaren Weltkörpers errechnen lassen?

Dutzende, meist junge Astronomen, machten sich an die Arbeit. Die älteren schwiegen; sie hielten nicht viel von jugendlichen Phantastereien. Wer garantierte auch dafür, daß sich monatelange mathematische Arbeit überhaupt lohnen würde? Zuletzt blieben nur zwei Astronomen übrig, der Engländer Adams und der Franzose Leverrier. Aber auch Adams schied bald aus; man wies seine Arbeiten höflich aber entschieden zurück. Leverrier stand allein. Sollte auch er das große Ziel, die Frucht jahrelanger Mühen preisgeben? Er zögerte. Mißlang der große Wurf, dann wurde er zum Gespött der Welt. Da kam ihm der Gedanke, den Berliner Astronomen Galle aufzufordern, nach dem fremden Stern an der Stelle, die er, Leverrier, errechnet hatte, zu suchen.

Des weltweiten Gedankens bewußt, griff Galle den Plan entschlossen auf. Nacht für Nacht richtete, er seine Teleskope auf die Tiefen des Weltalls. Der Erfolg schien auszubleiben. Aber zäh verfolgte der Berliner seine Aufgabe. Gerade kamen die neuen akademischen Sternkarten aus der Druckerei. Galle fieberte, als er am 23. September 1846 das entscheidende Blatt in die Hand bekam und mit ihm ans Fernrohr eilte. Noch ehe der neue Tag graute, hatte er, was er, was die Welt seit Jahrzehnten suchte: der Störenfried war, kaum einen Grad von der von Leverrier bezeichneten Stelle entfernt, gefunden, das Rätsel gelöst, der geheimnisvolle Schleier gefallen. Neptun war entdeckt! Die glänzendste Tat auf astronomischem Gebiet war vollbracht. Es war der größte Triumph, den rechnerischer Scharfsinn je gefeiert. Beobachtende und rechnende Astronomie reichten einander die Hand.

Unsterblich ist der Ruhm, der Leverriers einzigartiger Leistung zufiel, unvergänglich aber auch die Anerkennung, die Galles unübertroffener Beobachtungsgabe gebührt. Die Wissenschaftliche Großtat wird auch dadurch nicht geschmälert, daß die moderne Astronomie im Jahre 1930 einen noch sonnenferneren Planeten, Pluto, entdeckte.

Werner Heybrock