Von Walter M. Herrmann

Wer die Spielpläne der meisten deutschen Theater verfolgt hat, wird ohne große Mühe erkennen können, daß sie nichts Eiligeres zu tun hatten, als ihre Szenen nun wieder der Geisterwelt zu öffnen.

Wenn wir „Geister“ sagen, so wählen. wir diesen Begriff für den Gedanken, daß der Realität des Vordergrundes hier eine Art höhere Wirklich keit gegenübergestellt ist, ein tiefer Spiegel, der verschleiert ist, aber doch ein Hier und Dort, ein Diesseits und Jenseits erkennen läßt und Ahnung vermittelt von dem Unbetretbaren, dem Gott die Menschen je und je gegenübergestellt wissen will.

Ins Szenische der Bühnen übertragen, reicht das natürlich von der Hölle, der Mephisto entstieg, bis zu dem österreichischen Kanzlistenhimmel des „Liliom“, von den multiplen Abgründigkeiten des „Herrn Gerstenberg“ bis zu denen der „Marquise von O.“, vom „Toten Tag“ mit seinen Poltergeistern bis zu den ehemaligen Menschen, die vom Grunde des Süßwassermeeres zum „Leuchtfeuer“ zurückgekehrt sind.

In jedem Falle wird hier die Schranke überschritten, die der Wirklichkeit – dem krassen Jetzt und Hier der Ignoranten – gesetzt ist, um dem Menschen die Möglichkeiten einer andern Welt und damit auch die Möglichkeit einer andern Verantwortlichkeit zu zeigen, einer Verantwortlichkeit, die freilich höher zielen muß als sonst, nämlich über die Höchste Instanz des suspekt gewordenen Diesseits hinaus, und zwar beträchtlich höher. Und es besteht Anlaß, anzunehmen, daß das neue Publikum gerade darum sein „Ungenügen an der Welt des Diesseitigen“ mit in diese Aufführungen nimmt, weil es die Stimme des Überwirklichen zu vernehmen hofft Eine Stimme. Ein Chor von Stimmen. Ein Stil. Ein Stil betritt die Szene.

Hier nun – zum Abschluß – sollen die Sätze zu lesen sein, mit denen der Dichter vor einem Menschenalter das Künftige voraussagte und das geweissagte Dunkel mit dem Trost seiner Zuversicht er – hellte. Hugo von Hofmannsthal sagte es den Deutschen:

„Die Zeiten sind ernst und beklommen für die Deutschen; vielleicht stehen dunkle Jahre bevor... und vielleicht sind für dies geheimnisvolle Volk die Jahre der Heimsuchung gesegnete Jahre... Unser Volk hat ein schlaffes Gedächtnis und eine träumende Seele, trotz allem; was es besitzt, verliert es immer wieder, aber es ruft sich nachts zurück, was es am Tage verloren hat. Den Reichtum, der ihm eignet, zählt es nicht und ist fähig, seiner Krongüter zu vergessen, aber zuweilen sehnt es sich nach sich selber, und niemals ist es reiner und stärker als in solchen Zeiten.“