VON JOSEF MAKEIN

Zugegeben, er war zwölf Jahre lang von einer künstlichen und geradezu hysterisch hellen Sonne des Ruhmes angestrahlt, und diese Gloriole stand in gar keinem Verhältnis zu seinem Schaffen. Gewiß, gewiß... Aber er war doch der „Paule“, der Paul Lincke aus der Zeit, da in Berlin der Tiergarten noch grünte im Frühling und im Herbst bunt wurde, und da der spiegelnde, funkelnagelneue Asphalt, auf den die Droschken „erster Jüte“ rollten, noch nicht ahnen ließ, daß Sprengbomben ihn aufreißen und Brandbomben ihn spicken würden. Dieser populäre „Paule“ war Lincke doch immerhin? Und wir finden, daß dies mehr war, als die großspurige Ehrung der Goethe-Medaille, die ihn lächerlich machte, und mehr als die Ehrenbürgerschaft seiner Vaterstadt, über die er sich wohl von Herzen freute. Und jetzt ging bloß eine kleine Notiz durch die Blätter, daß Paul Lincke in Clausthal-Zellerfeld am 3. September, achtzigjährig, gestorben sei. So sang- und klanglos war sein Ende wie sein Anfang. Denn er, der zuweilen Millionen besaß, war armer Leute Kind. Er besaß von Anfang an nur einen Schatz, der sich gottlob nicht nach elterlichem Geldbeutel richtet: seine Begabung.

Diese seine Begabung war auf den Volkston gerichtet, genauer gesagt: auf berlinische Volkstöne. Aber steigt man deshalb in „Niederungen musischer Landschaften“ herab, wenn man sich einmal damit beschäftigt? Ich habe einen großen Musiker getroffen, der noch leben wird, wenn in den Sortiments längst die letzten Salon-Orchesterausgaben der Musikblüten Linckes verschimmelt sein werden. Aber während er in den Alpen spazieren ging – sang er da vielleicht das sakrale Adagio-Thema einer Bruckner- oder einer eigenen Sinfonie? Nein, er schwang seinen Spazierstock und pfiff: „Glühwürmchen, Glühwürmchen, Schimm‘re. schimm‘re...“

Man könnte nun einwenden, daß dies ein schlechtes Licht auf den Komponisten würfe. Aber ich finde: es wirft ein gutes Licht auf Lincke, zumindest auf seine Melodie. Was diese Melodie jedoch betrifft, so hütete Lincke daheim in seinem Schrank eine Schallplatte: ein Jazzkönig aus Amerika hatte da das „Glühwürmchen“ in die Finger genommen und mitten in seine schäumende Band geworfen. Da war nun das altmodisch-gemütliche Schimmern zu einer lodernden Flamme geworden, kurz, die Würmchen-Melodie hatte die Grenze vom 19. zum 20. Jahrhundert glanzvoll überflogen, und die Synkopen stießen sich im Raume in genau der Weise, wie man sie offiziell in den vergangenen „tausend Jahren“ als „entartet“ bezeichnete. Aber „Paule“ war stolz auf diese Platte und ließ sie oft zu eigener Freude rotieren; vielleicht erkannte er in den neuen amerikanischen Rhythmen eine ähnlich frische Luft wieder, wie er sie einst als Sänger der Berliner Luft gepriesen hatte. Er sagte: „Eine gute Melodie kann viel vertragen!“ Das war kein Spott, viel eher bewunderte er jenen Amerikaner, der das Glühwürmchen wieder auf neue Art schimmern ließ.

Durchaus: Lincke wußte, was er konnte und was er nichtkonnte. Größenwahn war seine Krankheit nicht. Sollen wir uns kurz an einen Augenblick erinnern, der ebenso peinlich wie komisch war? Dr. Goebbels stand im Festsaale des Berliner Rathauses und dröhnte geschmeidig ins Mikrophon. Lincke zu preisen, der wieder einmal einen seiner damals sehr gefeierten Geburtstage hatte. Für Goebbels war Lincke ein viel größerer kulturpolitischer Aktivposten als etwa Hindemith, der Vertriebene – aber seien wir gerecht. Lincke konnte nichts dafür; er hatte ja auch seine Melodien im alten, vergangenen Berlin geschrieben. Goebbels aber sang, als sei Lincke aus dem Haupte des Zeus, nein, des „Führers“ entsprungen und griff tief in die Kiste der Superlative, und demnach war Lincke „ein Schöpfer unsterblicher Klänge“, dessen „Kompositionen einen Siegeszug durch, die ganze Welt angetreten hatten“ und was derlei Kleinigkeiten mehr waren.

Und da passierte etwas Seltsames: Lincke, mit einer goldenen Kette schön behangen, trat auch ans Mikrophon und sprach vom – Rathaus nicht als „einer historischen Stätte“, sondern von einem dunklen, mit Beamten gefüllten Zimmer, wo sein Vater gearbeitet hatte, nach dessen Tode die Mutter Jeden Monat einmal herkam, den kleinen „Paule“ an der Hand, um die Witwenpension abzuholen. Jedesmal sei dann die Mutter in die Konditorei nebenan gegangen, um dem Paul ein Kremschnittdien zu kaufen. Für einen Groschen. Und deshalb sei er, Paul Lincke, immer gern ins Rathaus gegangen. So auch diesmal... Fürwahr, es war nicht schlecht, wie alle. Lobhudelei und alle Superlative an Paul Lincke abglitten und wie er allein im Schwall der Phrasen die Beine auf dem Erdboden behielt. Dies sagt, daß er eben ein Berliner war, ein echter Sohn der Stadt, die Goebbels so gern und so lügenhaft in seinem persönlichen Wehrmachtbericht als erobert erwähnte.

Und Paul Lincke? Sie hatten ihn aus halber Vergessenheit hervorgeholt, als sie ihn brauchten; das war ihm recht gewesen. Denn welcher Künstler hörte es nicht gern, daß er noch etwas taugt? Daß andere, modernere, dafür hatten gehen müssen, das war ihm nicht recht gewesen. Denn er hatte nichts gegen die Jüngeren, ob sie Paul Abraham oder Friedrich Holländer hießen, und die das neue Berlin genau so keck besangen wie er das alte besungen hatte. Er wehrte sich sogar anfangs dagegen, als er den Auftrag erhielt, seine Operette „Frau Luna“, die nach alter Berliner Mode nur ein halbes Programm bestritten hatte, so aus andern Stücken seiner Musik anzureichern, daß ein abendfüllendes Werk daraus entstand. Was aber auf der andern Seite den Bestrebungen der neuen-, im Geistigen sehr billig gewordenen Kulturpolitik entgegenkam, war jener seltsame Fall, daß nicht in Deutschland allein, sondern auch in Frankreich, England, ja, wohl in der ganzen Welt die Zeit der achtziger Jahre wiederentdeckt wurde: die Zeit der Zylinder und Rüschen, der Plüschsofas und zweisitzigen Fahrräder, die komisch und rührend, seelenvoll und dabei im Erotischen nicht unbegabt erschien. Und diese Mode trug Paul Lincke mühelos mit hoch. Am Abgrund einer ins Nihilistische versinkenden Welt erinnerte man sich gerade im Rahmen der heiteren, leichtgeschürzten Kunst, ach, nur zu gern der guten, alten Zeiten. Hatte Lincke nicht sogar das passende Lied geschrieben, das man mit halb ironischem, halb echt empfundenen Tremolo singen konnte: „Wenn auch die Jahre enteilen, bleibt die Erinnerung doch ...“?