Von W. Heyn, Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft der privaten Krankenversicherung in der britischen Zone

Wir führen die Aussprache über die Sozialversicherungsreform mit einem Beitrag fort, dessen Verfasser auf dem Boden des „Hamburger Plans“ steht. Seine allgemein gegen die Idee der Vereinheitlichung gerichteten Argumente wenden sich praktisch vor allem gegen eine bestimmte Form der Zusammenfassung, die in der sogenannten „Berliner Regelung“ bereits Gestalt gewonnen hat.

Der Arzt, der seinen Beruf im Sinne echter Berufung ausübt, ist kein Gewerbetreibender, der für seine „Ware“ Heilbehandlung einen „Marktpreis“ berechnet. er erhält vielmehr ein Honorar, einen Ehrensold, der sich auch nach den Einkommensverhältnissen seines Patienten richtet. So erklärt es ich, daß die ärztlichen Gebührenordnungen, die eine Preistaxe bilden, sondern nur Richtlinien eben, Gebühren vom einfachen bis zum zwanzigsten Mindestsatz für die gleiche ärztliche Verachtung vorsehen. Den Mindestsatz von 1 RM für die normale ärztliche Beratung soll nach der Preußischen Gebührenordnung der sogenannte unbe“ littelte Patient (oder der Armenverband) zahlen. Die Zeit ist noch nicht allzu fern, da der gute alte Hausarzt gewissermaßen die halbe Stadt kostenlos behandelte und die „Bessersituierten“ durch die öheren. ihren Einkommensverhältnissen entsprelenden Honorare die Praxis erhielten. Hier ist mit der 1883 erfolgten Schaffung der Pflichtkrankenversicherung eine bedeutungsvolle Änderung eingetreten. Die Krankenkasse stellt den Arzt „auf ihre Kosten“ den Mitgliedern und ihren Familienangehörigen zur Verfügung. Dieser, Personenkreis wird also aus der Privatpraxis des Arztes herausgenommen und bildet die Kassenpraxis. Soweit ihr Bereich geht, stehen Arzt und Patient nicht mehr im gegenseitigen Vertragsverhältnis, das meist auch ein Vertrauensverhältnis war; Vertragspartner des nunmehrigen Kassenarztes ist nun die Krankenkasse, nach deren auf Gesetz und Vertrag beruhenden Vorschriften das (durch den Krankenschein ausgewiesene) Krankenkassenmitglied als sogenannter Kassenpatient zu behandeln ist.

Das wirkte sich zunächst durchaus günstig für den Arzt aus. Ihm wurde für den Patientenkreis der Pflichtkrankenversicherung ein zwar sehr bescheidenes, sogar unter den Mindestsätzen der Gebührenordnungen liegendes Honorar gewährt; dieses wurde ihm aber auf jeden Fall sichergestellt. Da früher auch der Arzt die unbemittelten und minderbemittelten Patienten als Privatpatienten sorgfältig behandelt hatte, bestand keine Gefahr, daß nunmehr eine Kluft in der Behandlung der Kassenpatienten und Privatpatienten zum Nachteil der Kassenpatienten aufgerissen wurde. Mit der fortschreitenden Erweiterung der Krankenversicherungspflicht (vor allem durch die Erhöhung der Versicherungspflichtgrenze für die Angestellten, während die Arbeiter immer ohne Rücksicht auf die Höhe des Einkommens unbeschränkt krankenversicherungspflichtig waren) und mit der Ausdehnung der freiwilligen Versicherung veränderten sich aber die Verhältnisse immer mehr zu Ungunsten des Arztes. Er bekam jetzt auch in steigendem Maße Kassenarzthonorare für Patienten, für die er, ohne deren Zugehörigkeit zur gesetzlichen Krankenversicherung, mit gutem Grund höhere Privathonorare hätte berechnen können. Insofern wirkte sich allerdings die Ausdehnung der Krankenversicherungspflicht für die Ärzte noch verhältnismäßig günstiger aus, als die neu versicherungspflichtig gewordenen Personen in der Mehrheit bei Ersatzkassen versichert waren, diese aber auf Grund besonderer Verträge die Ärzte besser honorierten als die Pflichtkrankenkassen.

Wenn jetzt rund zwei Drittel der deutschen Bevölkerung als Versicherte (oder Familienangehörige) durch die gesetzliche Krankenversicherung erfaßt sind, so spricht es für das hohe Berufsethos unserer Ärzte, daß diese Kassenpatienten im allgemeinen nicht schlechter als die Privatpatienten behandelt werden, obwohl sich allerdings schon Anzeichen einer andersartigen Berufsauffassung gegenüber den Kassenpatienten geltend gemacht haben. Man kannte die „Kassenlöwen“ die sich durch „Behandlung am laufenden Band“ aus der Kassenarztpraxis höhere Einkommen sicherten. Wenn dieses Unwesen immer noch erfolgreich zurückgedrängt werden konnte, so lag das nicht zuletzt daran, daß noch gerade eben ein Bestand von Privatpatienten vorhanden war, der den Ärzten einen Ausgleich zwischen Kassenpraxis und Privatpraxis ermöglichte. Für die Privatpraxis bildete im letzten Jahrzehnt die sicherste Stütze die private Krankenversicherung mit etwa 10 Millionen versicherten Personen. Denn im Unterschied zu der gesetzlichen Krankenversicherung greift die private Krankenversicherung in die Rechtsbeziehungen zwischen Arzt und Patient nicht ein. Die bei der privaten Krankenversicherung versicherten Personen bleiben Privatpatienten des Arztes, deren Honorare unabhängig von den Versicherungs -Ersatzleistungen nach den Grundsätzen für die Privatpraxis berechnet werden.

Würde nun die Krankenversicherung (mit Hilfe der Besatzungsmächte) im Sinne der „Einheitsversicherung“ umgestaltet werden, wie das vielfach propagiert wird, dann hätte das schwerwiegende Folgen für die Ärzte, für die neu versicherungspflichtig gewordenen Personen und nicht zuletzt auch für die schon Versicherungspflichtigen.

Wenn ein leitender Angestellter mit 1000 RM Monatseinkommen einen Arzt konsultiert, dann würde er bestimmt nicht auf den Gedanken, kommen, ihn mit 80 Pfennig zu „honorieren“. Wird er aber nach den Plänen der „Sozialversicherungsreform“ krankenversicherungspflichtig, dann wird für ihn dem Arzt sogar ein noch geringeres Honorar gewährt. Denn 80 Pfennig oder 80 v. H. des Mindestsatzes der Preußischen Gebührenordnung sind nur dann zu erstatten, wenn ein Arzt, der nicht zur Kassenpraxis zugelassen ist, in einem dringenden Fall in Anspruch genommen wird. Die Kassenärzte erhalten nach dem noch geltenden System der Pauschalhonorierung, wenn auch die Honorierung wieder nach Einzelleistungen angestrebt wird, ein wesentlich geringeres Honorar. So teilte mir ein befreundeter hannoverscher Arzt mit, daß er im ersten Vierteljahr 1946 für jede Beratung eines Kassenpatienten in der Sprechstunde nur 0,45 RM erhalten habe. Nach Angaben, die die Ärztekammer Nord-Württemberg und die Kassenärztliche Vereinigung Württemberg in einer Denkschrift vorgelegt haben, erhält der Arzt für die Behandlung eines Kranken im Vierteljahr, gleichgültig wie viele Leistungen er für diese Behandlung aufwenden muß, von der Krankenkasse eine Pauschale von 6 RM (mit geringen Abweichungen für die einzelnen Fachgruppen) und zusätzliche. Zahlungen für die Nachcleistungen und besondere Verrichtungen, die für den praktischen Arzt materiell keine erhebliche Rolle spielen. Daß tatsächlich die deutschen Ärzte nicht so viel verdienen, wie vielfach angenommen wird, zeigt das für das erste Vierteljahr 1945 mit 5660 RM angegebene Durchschnittseinkommen, das im dritten Vierteljahr 1945 schon auf 3735 RM zurückgegangen ist. Dabei handelt es sich um Bruttoeinkommen, von denen etwa 40 v. H. für Berufsunkosten abzusetzen wären.