Da dieser Filmabend den Blick nach Osten richtete, sei die Bemerkung eines russischen Atomforschers zu den Atombomben versuchen auf dem Bikini-Atoll vorangestellt: „Keinerlei Überraschungen.“ Die Bilder der Wochenschau, die diese gigantischen Explosionen festgehalten haben, vermitteln in aller Objektivität Eindrücke von so ungeheuren entfesselten Gewalten, daß dem Zuschauer der Atem stockt. Das Meer wird mit der Wucht der Explosionskraft von 50 000 Tonnen Dynamit, wie man die nüchterne Stimme des Sprechers erklären hört, in einer einzigen Wassersäule in den Himmel geschleudert, teilt sich dort in dem Superpilz der Explosionswolke und peitscht, zurückstürzend, berstende Wasserberge und Flutwellen über die See in so chaotischer Gewalt, wie es nie zuvor ein Menschenauge sah. Mit eiskaltem Schauder wird vor diesem Bildstreifen die Erkenntnis deutlich, daß bis zur endgültigen Vernichtung der Menschheit nur noch ein Schritt ist. Noch lange hinterher ist der Eindruck so stark, daß jeder Hauptfilm es schwer haben würde, die Aufmerksamkeit zu fesseln, um so mehr dieses russische Lustspiel „Vier Herzen“ (Produktion: Kinostudio „Mosfilm“) im Waterloo-Theater, Hamburg, (Norddeutsche Erstaufführung) ein naives Spiel um jugendliche Dozentinnen und Dozenten der Universität, um schmucke Leutnants und einen gütigen, vertrottelten Professor ist. (A. Tutyschkin, Ordeninhaber, wie das Programmheft vermerkt, verkörpert ihn scharmant.) Keine revolutionierende Fanfare neuer filmischer Ideen, wie es einst die Inszenierungen Eisensteins waren, aber die heiteren Fanfaren zum morgendlichen Weckruf im sommerlichen Zeltlager der Rotarmisten, die Damenbesuch erhalten und Mathematikstunden von platinblonden Mädchen. Exakter Drill, zackige Haltung, gütige Vorgesetzte und etwas Liebe. Militarismus – gespielt Man kann wieder fesche, auffallend hübsche Leutnants sehen und – diesmal – russische Mädchenherzen schlagen dabei höher. Und am Schluß kriegen sich die Richtigen.

So alte urkomische „Filmklamotten“ wie eiernde Fahrräder werden aus der Kiste geholt, daß ein Lustspielautor bei uns sich lächerlich machen würde bei dem Versuch, solche Ideen an den Mann zu bringen. Aber in Rußland ist vieles jung und vieles ein neuer Witz, worüber wir nur noch müde lächeln können, und seien es eiernde Fahrräder. Der Film gefiel durch seine einfältige Unkompliziertheit, seine eindringlichen Schilderungen des fremden, schlichten Milieus, hübsche Landschaftsaufnahmen und Mut zur Natürlichkeit, wenn er sich auch im ganzen über die allgemeine Kino-Konfektion nicht erhob. Die nur spärlichen deutschen Texte vermittelten leider nur wenig von dem Witz der Dialoge, wie sie Kenner der russischen Sprache lobten.

Die Überleitung von der Wochenschau zum Hauptfilm bildete sehr glücklich ein hinreißender Bildstreifen alter herrlicher Tänze der russischen Völker voll elementaren Schwunges und blühender Vitalität, leider nach Hollywooder Muster vor einem silberglitzernden Flittervorhang aufgenommen, der mit seinem Talmiglanz die Echtheit störte.

Es gab freundlichen Beifall. Erika Müller